|
Der weit gereiste Victor Hugo schrieb 1839 bei seinem Besuch: „Bacharach ist wohl der älteste von Menschen bewohnte Ort, den ich in meinem Leben gesehen habe.“ Dieses uralte kleine Städtchen zählt mit seinen historischen Mauern, verschachtelten Fachwerkhäusern, engen Gassen und idyllischen Höfen zu einem der romantischsten Städtchen am Mittelrhein. Jedes Jahr strömen daher zahlreiche Besucher her, um sich auf die Spuren der Rheinromantik zu begeben. Aber auch die „Geisterforscher“ sind hier fündig geworden und haben 13 Orte ausgemacht, an denen sich unheimliche Geschichten zugetragen haben sollen. Angeblich haben noch weitaus mehr Geister hier ihr Unwesen getrieben, aber bei so mancher dieser Erzählungen haben wohl auch die „Weingeister“ die Fantasie beflügelt. Denn schon seit langer Zeit zählt der von Weinbergen umgebene Ort, dessen Name vom lateinischen „bacchi ara“ (Altar des Bacchus) abgeleitet ist, zu den bedeutendsten Umschlagplätzen des edlen Rebensaftes am Rhein. Den Namen des römischen Weingottes trug auch ein Felsen im Rhein, der inzwischen aber gesprengt wurde, um die Fahrrinne für die Schiffe zu vergrößern. Zahlreiche andere Sehenswürdigkeiten sind jedoch bis heute erhalten geblieben, und bei einem Stadtrundgang erfährt der Besucher mehr von ihrer Geschichte. Für die „Geisterrunde von Bacharach“ braucht man etwas stärkere Nerven, denn auf ihr bekommt man gruselige Geschichten zu hören.
Der Rundgang beginnt am Posthof, dem ehemaligen Pfarrhof Bacharachs, wo sich bis 1872 auch die Klemenskapelle befand. Sie bestand nur aus einem Turm, fasste maximal elf Betende und war eine der kleinsten Kapellen der Welt. Weiter führt der Weg zu der auf einer Anhöhe gelegenen Wernerkapelle. Bereits Victor Hugo hatte bei der Besichtigung der Ruine – für ihn der „gespenstigste“ aller gruseligen Orte in Bacharach – ein schauerliches Erlebnis: „Plötzlich fühlte ich, dass die Erde unter mir nachgab und einsank. Ich blickte nieder, und im Sternenlicht erkannte ich, dass ich auf einem frisch gegrabenen Erdhügel stand. Ich schaute ringsum; schwarze Kreuze mit weißen Totenköpfen standen überall um mich. Ich gestehe, dass ich mich in diesem Augenblick des Schauerns nicht erwehren konnte, den so Unerwartetes einflößt. Mein schönes Gärtchen voller Kinder, Vögeln, Tauben, Schmetterlingen, Musik, Licht, Leben, und Freude – war ein Friedhof.“ Der Rundgang der Geistertour führt auch an der St. Nikolauskirche vorbei, die auf den Grundmauern des Alten Zollhofes errichtet wurde. Seltenheitswert besitzt die dortige Marienstatue, die eine zornig dreinblickende Muttergottes zeigt. Einst hatte sie ihren Blick liebevoll dem Jesuskind zugewandt, jedoch nur bis zu jener Nacht, als die Spendengelder, die in der ehemaligen Klosterkirche lagerten, geraubt wurden. Als die Diebe in einem Kahn auf den Rhein hinaus gerudert waren, soll sie ihren Blick erhoben und solange auf die Räuber gestarrt haben, bis diese auf eine Klippe aufliefen und mitsamt dem Diebesgut untergingen. Und dort, wohin seitdem ihr Blick geht, soll der Schatz immer noch im Rhein begraben sein. Beenden sollte man den Rundgang am Postenturm, von dem man einen „sagenhaften“ Blick auf das Rheintal hat. Und diese Aussicht soll angeblich auch der Grund gewesen sein, warum ein russischer Pionier seinem Leben hier ein Ende gesetzt hatte. Der Soldat hatte bei den Truppen gedient, die in den Jahren 1814/15 Marschall Blücher im Kampf gegen Napoleon unterstützten. In jenen kalten Nächten hatte er hier Tag für Tag Wache schieben müssen. Dennoch waren es seine schönsten Tage gewesen, denn die Bacharacher waren nett zu ihm, es gab gutes Essen und Wein, und die wunderschöne Aussicht versetzte ihn in die Stimmung, die man nur nachvollziehen kann, wenn man selber einmal dort gewesen ist. Als er schließlich mit seinen Kameraden und dem preußischen Heer nach Waterloo weiterziehen sollte, entschied er sich der Überlieferung zufolge dafür, lieber auf ewig hier zu bleiben. Auch die heutigen Besucher werden sich vermutlich nach ein paar Tagen Aufenthalt dem Reiz dieses Ortes nicht entziehen können. Aber sie können ja jederzeit wieder hierher kommen, ins „sagenhaft“ romantische Städtchen Bacharach.
|