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Dort, wo sich die breite oberrheinische Tiefebene bei Bingen zum romantischen engschluchtigen Mittelrheintal wandelt, liegt mitten im Rhein eine kleine Insel, auf der der berühmte Binger Mäuseturm steht. Seinen Namen verdankt er einem herrschsüchtigen und geizigen Erzbischof und gibt so noch heute Zeugnis von einer der bekanntesten Rheinsagen.
Die Geschehnisse ereigneten sich zu jener Zeit im Mittelalter, als in Mainz Erzbischof Hatto herrschte. Er war ein gnadenloser Tyrann und hatte solch hohe Steuern und Abgaben verhängt, dass seinen Untertanen nur wenig Geld zum Leben übrig blieb. Sie wagten es jedoch nicht, sich ihm zu widersetzen und ertrugen stumm ihr Leid. Hatto selbst hingegen führte ein überaus luxuriöses Leben, für dessen Finanzierung er immer neue Geldquellen ersann. So kam er eines Tages wieder auf eine Idee: „Ich lasse auf der kleinen Insel im Rhein zwischen Bingen und Rüdesheim einen Zollturm errichten.“ Und von da an mussten alle Rheinschiffer, die auf dem Fluss talwärts fuhren, dem unersättlichen Erzbischof Zoll entrichten. Dann kam aber ein Jahr, in dem Dürre und Hagel großen Schaden auf den Feldern angerichtet hatten und den Bauern rund um Mainz dadurch eine Missernte beschert wurde. Die Nahrungsmittel wurden knapp und knapper, und das noch Verfügbare war derart teuer, dass sich die Bevölkerung fast nichts mehr leisten konnte. Eine große Hungersnot war die Folge, und das Volk litt bitterste Not. Der Erzbischof aber hatte riesige Getreidevorräte gehortet, die er allerdings in seinen Speichern sicher verschlossen hielt. Das blieb auch all den Hungerleidenden nicht verborgen, die sich in ihrer hoffnungslosen Verzweiflung nach Mainz begaben und Hatto um Hilfe baten: „Öffne die Kornspeicher und gib uns etwas zu essen. Sonst werden wir diesen Winter nicht überstehen.“ Doch der hartherzige Hatto ließ sich nicht erweichen, sondern blieb selbst dann noch hart, als sogar seine Räte versuchten, ihn umzustimmen. Die Not der Leute war jedoch so schrecklich, dass sie eines Tages in großer Zahl den erzbischöflichen Palast stürmten und Hatto erneut inständig um Nahrung anflehten. Aber auch jetzt kannte der Erzbischof, der gerade mit einigen anderen wohlgenährten Tischgenossen ein verschwenderisches Mahl zu sich nahm, kein Erbarmen. Als nun die zerlumpten Elenden, darunter auch Kinder mit hohlwangigen Gesichtern, vor ihm auf die Knie fielen und um Brot bettelten, kam ihm ein barbarischer Plan, wie er sich der lästigen Meute endgültig entledigen könnte. Heuchelnd versprach Hatto den hungernden Menschen, dass sie so viel Korn erhalten sollten, wie ein jeder von ihnen bedurfte. Die ausgemergelte Menge machte sich daraufhin freudig auf den Weg zu der Scheune vor der Stadt, in der das Korn lagerte. Der Erzbischof aber gab seinen Schergen einen grausamen Befehl mit auf den Weg: „Wenn das Pack in der Scheune ist, verschließt das Tor und steckt das ganze Gebäude in Brand.“ So geschah es, und bald brannte die Scheune lichterloh. In ihren Todesqualen schrien die Menschen so fürchterlich und laut, dass selbst Hatto es in seinem erzbischöflichen Palast in Mainz vernehmen konnte. „Hört, wie die Kornmäuse pfeifen“, rief er in frevelhaftem Spott zu seinen Räten und fügte herzlos hinzu: „Nun hat das Betteln ein für alle Mal ein Ende. Mich sollen die Mäuslein beißen, wenn’s nicht wahr ist.“ Und genau so traf Hatto die gerechte Strafe Gottes: Aus der brennenden Scheune huschten nämlich Abertausende von Mäusen, die direkt auf den erzbischöflichen Palast zusteuerten und dort in alle Gemächer eindrangen. Obwohl die Diener ununterbrochen gegen die Flut der Tiere anzukämpfen versuchten, konnten sie der immer aufgebrachter werdenden Schar nicht Herr werden. Da überfiel selbst Hatto die Panik, denn nun erahnte auch er Gottes Strafgericht. Der Erzbischof sah keinen anderen Ausweg, als aus der Stadt zu fliehen, doch wo immer er auch hinging, stets blieben ihm Legionen von Mäusen auf den Fersen. Zu keiner Zeit ließen sie von ihm ab, selbst zum Essen und beim Schlaf raubten sie ihm die Ruhe, sodass Hatto bald völlig abgemagert und entkräftet war. Da kam ihm ein scheinbar rettender Gedanke. „Mäuse können doch weder schwimmen noch klettern, da bin ich im Zollturm auf der Rheininsel sicher vor ihnen“, sprach er sich ermutigend zu und setzte unverzüglich mit einem Boot auf die Insel über. Dort ließ er sein Bett von den Dienern im obersten Stock des Turmes an Ketten aufhängen. „Jetzt werde ich wohl Frieden haben“, dachte der Erzbischof erleichtert, als er sich müde in sein Bett fallen ließ. Doch er irrte sich, denn das Heer der Mäuse war sehr wohl durch den Rhein geschwommen und ihm auf die Insel gefolgt. Mit ihren scharfen Zähnchen gruben sich die schlauen Nager unter dem Fundament des Turmes hindurch und hatten bald das Innere des Gebäudes und dann auch Hattos Schlafgemach erreicht. Entsetzt schreckte der Erzbischof aus dem Schlaf hoch und stürzte voller Panik nach draußen, um sich in dem Boot in Sicherheit zu bringen und zum Ufer überzusetzen. Doch auch das Schiff war von den Mäusen bereits vollständig zernagt worden. Der Erzbischof flüchtete zurück in den Turm, aber vergeblich – was er auch unternahm, er konnte dem Getier nicht entkommen. Als die Mäuse schließlich begannen, an seinem Körper zu nagen, rief der Gottesmann in seiner Verzweiflung den Teufel an. Hatto versprach ihm seine Seele, wenn dieser ihn doch nur von den Mäusen befreien würde. Kaum war der Pakt besiegelt, entfachte der Satan einen Höllenbrand, und auf der ganzen Insel verbreitete sich Schwefelgestank. Es dauerte nicht lange, bis auch das letzte Tier endgültig fort war. Aber davon hatte Hatto nichts mehr, denn kraftlos und gebeutelt, wie er mittlerweile geworden war, starb er binnen kurzer Zeit, und drei Tage später holte sich der Teufel die erkaufte Seele. Die Mainzer trauerten ihrem Erzbischof keine Träne nach, waren sie doch endlich vom Joch des grausamen Herrschers befreit. Und seit jener Zeit nennt man den Zollturm im Rhein, der inzwischen zum Wahrzeichen von Bingen geworden ist, den „Binger Mäuseturm“.
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