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Das Begleitbuch zum Rheinischen Sagenweg
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Wie die Marksburg zu ihrem Namen kam

Im UNESCO-Welterbegebiet „Oberes Mittelrheintal“ reihen sich über 40 mehr oder weniger gut erhaltene Burgen aneinander. Bei den meisten handelt es sich allerdings um „Neubauten“ aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die im Zuge der Rheinromantik auf den Ruinen der ursprünglichen Bauwerke errichtet wurden. Nur ganz wenige Ausnahmen haben die Zeiten unbeschadet überdauert. Dazu gehört zum Beispiel Pfalzgrafenstein bei Kaub – und, als einzige Höhenburg, die nie zerstört wurde, die Marksburg in Braubach. Schon von weitem sichtbar, erhebt sie sich mit ihrem hohen Bergfried und dem markanten Kapellenturm auf einem steilen Felsen über dem Rhein. Im Schutz dieser imposanten Festung liegt die romantische Wein- und Rosenstadt Braubach. Früher war es fast unmöglich, auf den hohen Felskegel vorzudringen und die mittelalterliche Wehranlage einzunehmen. Heute führt jedoch eine schmale Straße fast bis vor die Tore der Burg, und auch mit der Marksburgbahn lässt sich diese „echte“ Ritterburg bequem erreichen. Wie die Marksburg zu ihrem Namen kam, darum rankt sich eine alte Sage.

 

Im 13. Jahrhundert ließ der Graf von Eppstein, der einer der mächtigsten Familien im hohen Mittelalter angehörte, die Burg Braubach errichten. So wie die Burg wuchs auch Elisabeth, die Tochter des Grafen, zu einem wunderschönen Mädchen heran. Ihre Schönheit hatte sich bald im ganzen Land herumgesprochen, und als sie schließlich ins heiratsfähige Alter kam, machten ihr zahlreiche edle Ritter aus den besten Familien den Hof. Doch alle wurden sie abgewiesen und mussten unverrichteter Dinge wieder nach Hause zurückkehren. Eines Tages machte Siegbert von Lahnstein, der junge Graf von Burg Lahneck, die fast in Sichtweite der Marksburg über der Lahnmündung liegt, Elisabeth seine Aufwartung. Auch er war angetan vom Liebreiz der jungen Frau, und es gelang ihm, das Herz der Grafentochter zu gewinnen. Schon bald schmiedeten sie gemeinsame Zukunftspläne, und der alte Graf gab nur allzu gern seine Zustimmung, als Siegbert ihn um die Hand seiner Tochter bat. Die Vorbereitungen für die Hochzeitsfeierlichkeiten waren bereits in vollem Gange, als eines Morgens ein Bote auf der Burg erschien. Er überbrachte einen Aufruf, der alle Ritter und Edelleute im Land aufforderte, König Rudolf im Kampf gegen Ottokar von Böhmen zu unterstützen. Seinem Treueeid Folge leistend, musste auch Siegbert in den Kampf ziehen. Es war ein sehr schmerzlicher Moment für die beiden Liebenden, als sie voneinander Abschied nehmen mussten. Noch quälender wurde für Elisabeth die lange Zeit des Wartens auf die Rückkehr ihres Geliebten. Als schließlich die Nachricht vom Sieg Rudolfs über Ottokar eintraf, war daher niemand glücklicher als die junge Braut, glaubte sie doch, den Vermissten bald wieder in die Arme schließen zu können. Doch Siegbert kehrte nicht heim und ebenso wenig gelang Kunde auf die Burg, was aus ihm geworden sei – ob er noch lebte oder ob er in der Schlacht umgekommen war. Ein Jahr später tauchte auf Burg Lahneck schließlich ein junger Ritter auf und behauptete: „Ich bin Rochus von Andechs, der Vetter Siegberts, und kann bezeugen, dass Siegbert auf dem Marchfeld gefallen ist.“ Ohne zu zögern erhob er sogleich Anspruch auf das Erbe und nistete sich auf Burg Lahneck ein. Doch damit nicht genug – die Trauerzeit war kaum vorüber, da hielt er bei dem Grafen von Eppstein auch um die Hand von dessen Tochter an. Elisabeth hatte Siegberts Tod jedoch noch nicht verwunden. Außerdem gab es etwas an Rochus’ Art, was ihr nicht behagen wollte. Zwar war der Ritter ein überaus stattlicher Mann und verhielt sich ihr gegenüber auch ausgesprochen höflich, aber sie konnte keine Gefühle und keine Herzenswärme in seinem Charakter verspüren. Zu dieser Zeit war ein junger Mönch vom Kloster Bornhofen als Kaplan auf Burg Braubach tätig – Bruder Markus. Er hatte denselben Schutzpatron wie die Burgkapelle, in der er seinen Dienst versah, denn diese trug ebenfalls den Namen des Evangelisten. Elisabeth, die Rochus’ begehrliche Blicke als zunehmend beängstigend empfand, vertraute sich schließlich dem Burgkaplan an. Irgendetwas in ihrem Herzen schien sie vor dem Ritter zu warnen. Markus verspürte ebenfalls eine Abneigung gegen den neuen Herrn von Lahneck, und es war offensichtlich, dass auch Rochus die Gegenwart des Gottesmannes mied. Der alte Graf jedoch war sehr besorgt um seine Tochter, die immer noch um Siegbert trauerte. Ihm schien es das Beste zu sein, wenn sie Rochus heiraten würde. Schließlich willigte Elisabeth in den Wunsch des Vaters ein, um sein Leid nicht zu vergrößern. Am Abend vor der Hochzeit betete Markus, der spürte, dass sich Elisabeth in großer Gefahr befand, zu seinem Schutzpatron. Beschwörend bat er ihn, für Elisabeths Seelenheil Sorge zu tragen. Kaum hatte er seine Bitte ausgesprochen, wurde die kleine Kapelle von einem hellen Licht erfüllt und dem Kaplan erschien der heilige Markus. „Wisse“, sprach dieser zu dem Betenden, „der Mann, der sich Rochus von Andechs nennt, gehört zu dem Fürsten der Finsternis. Du hast meine Hilfe erbeten, so rette also Elisabeth, die sich dir anvertraut hat. Habe keine Furcht, widerstehe dem Bösen und berühre ihn mit dem geweihten Kreuz.“ Kaum hatte er geendet, verschwand er ebenso plötzlich, wie er erschienen war. Am nächsten Morgen wartete die Hochzeitsgesellschaft im Burghof auf die Ankunft von Rochus. In dem Augenblick, als er mit klirrenden Sporen über den Burghof schritt, lief Bruder Markus hastig auf ihn zu, berührte ihn mit dem Kreuz und rief ihm die dreifache Beschwörung der Hölle entgegen. Zornentbrannt sprang der Ritter zurück und stampfte mit seinem Fuß auf den Boden. Die Schar der Gäste glaubte noch das Schlagen eines Pferdehufes zu hören, als sich die Erde unter Rochus auftat und er vor ihren entsetzten Augen im Boden verschwand. Elisabeth war gerettet. Und doch war dieser zweite Schicksalsschlag zu viel für sie. Sie beschloss, dem weltlichen Leben zu entsagen und ging ins Kloster, wo sie schon bald darauf verstarb. Die Braubacher Burg aber wurde von diesem Zeitpunkt an zu Ehren des Heiligen „St. Markusburg“ und später kurz „Marksburg“ genannt. Noch heute erinnert man sich dort an den Evangelisten, der die junge Grafentochter damals vor dem Teufel bewahrt haben soll.





Wissenswertes / Sehenswertes

Wie es bei vielen Sagen der Fall ist, hält auch diese Geschichte der genaueren historischen Prüfung nicht stand. Die Marksburg wurde nämlich in der gesamten Eppsteiner Zeit – und auch anschließend noch bis 1479 – Burg Braubach genannt. Der Name „Sankt Marxpurgk“ erscheint erstmals 1574 in den Urkunden, um die Festung von der neuen, ebenfalls auf Braubacher Gebiet liegenden Philippsburg zu unterscheiden. Außerdem war zur Zeit der Umbenennung in Braubach bereits ein halbes Jahrhundert lang die Reformation eingeführt und daher kein (katholischer) Burgkaplan mehr dort tätig. Tatsächlich verdankt die Marksburg ihren Namen wohl dem Schutzpatron der 1437 eingeweihten spätromanische Kapelle St. Markus – ohne teuflisches bzw. himmlisches Eingreifen. Im Jahre 1900 erwarb die Deutsche Burgenvereinigung die Marksburg (www.marksburg.de). Sie ist eine Denkmalschutzinitiative und ein Zusammenschluss von Menschen, die sich für Burgen und Schlösser sowie deren Erhalt einsetzen.

 

Die Marksburg gilt als eine der wenigen „echten“ Ritterburgen, da sie im Gegensatz zu anderen Burgen im Mittelrheintal nie zerstört wurde. Die BurgführerInnen bemühen sich, auch Kindern einen anschaulichen Einblick in das mittelalterliche Leben zu vermitteln – mit überraschenden und einprägsamen Informationen über Essen, Trinken, Schlafen (und aufs Klo Gehen!) während dieser Epoche. Schon der steile Aufstieg zur Burg – entweder durch den Wald über den alten Burgweg an der „Eierwiese“ vorbei oder über den steilen Eselspfad – ist ein Erlebnis und zeigt, wie mühsam es damals war, hinaufzugelangen. Man kann aber auch mit dem Auto und der Burgbahn hinauffahren.







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Gebundene Ausgabe:  19,95 Euro, ISBN 3-7616-1986-3

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