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Was den Kölnern ihre „Kölsche Krätzcher“, das sind den Cochemern ihre „Cochemer Stückelchen“: kleine lustige Geschichten, die an Schildbürgerstreiche erinnern und mit denen man die Obrigkeit oder sich selbst „auf die Schippe“ nahm. Zwar wurde der Ort erstmals bereits 866 erwähnt, doch könnte man angesichts der „Stückelchen“ fast geneigt sein, die Herkunft des Ortsnamens auch der – allerdings sich erst später entwickelnden – jiddischen Sprache zuzuschreiben. Denn im Jiddischen bedeutet „cochem“ übersetzt so viel wie „gewitzt“. Unter dem Schutz der Herren von Beilstein war 1309 im nahe gelegenen gleichnamigen Ort, einem der schönsten an der Mosel, eine jüdische Gemeinde gegründet worden, sodass das Jiddische sicherlich seinen Einfluss auf die Region gehabt hat. Es gibt eine Vielzahl dieser althergebrachten, amüsanten „Stückelchen“, von denen im Folgenden eine Auswahl zu lesen ist.
Der Distelfink
Eines Tages lief durch das Städtchen Cochem die aufgeregte Kunde, dass des Bürgermeisters Distelfink in einem unbewachten Augenblick seinen versehentlich offen stehenden Käfig verlassen und das Weite gesucht hatte. Da der Bürgermeister sehr beliebt war, wollte man ihm schnell wieder zu seinem Vogel verhelfen. Der Stadtrat ließ eiligst Bekanntmachungen anfertigen und aushängen, bis es einem Stadtrat einfiel, dass der Vogel ja gar nicht lesen konnte. Man beschloss deshalb, die Stadttore sofort zu schließen, damit er nicht entweichen könne. Glücklicherweise flog der Vogel aber von selber wieder in seinen Käfig. Und seitdem hat der Bürgermeister von Cochem (wieder) einen Vogel.
Die Stadtkuh
Auf der Stadtmauer, die das Städtchen seit 1332 umschloss, aber seit der furchtbaren Zerstörung Cochems durch die Franzosen im Jahr 1689 als Schutzwall nicht mehr zu gebrauchen war und vernachlässigt wurde, wuchs jedes Jahr im Frühling frisches Gras, an dessen sinnvolle Verwendung bisher niemand gedacht hatte. Ein Schlauer unter den Stadtvätern war aber der Meinung, dass es unverantwortlich sei, dieses Gras verkommen zu lassen. Es wurde daher eine Stadtkuh angeschafft, die das Gras fressen sollte. Doch dann stellte sich die Frage, wie die Kuh zu dem Gras auf der Stadtmauer gelangen konnte. Zum Glück fehlte es nicht an weiteren weisen Männern im Stadtrat. Sie machten den Vorschlag, der Kuh einen Strick um den Hals zu legen und sie auf die Stadtmauer hinaufzuziehen. Man war sofort damit einverstanden und zog die Kuh gemeinsam die Mauer hoch. Auf halbem Wege nach oben streckte das arme Vieh aber bereits die Zunge heraus, doch alle meinten, das Tier lecke sich vor Freude schon das Maul. Aber oh weh, die langen Gesichter hinterher. Denn als die Cochemer die Kuh endlich oben auf der Stadtmauer hatten, stellten sie fest, dass sie tot war.
Die Maulwurfplage
Eines Tages befasste sich der Stadtrat mit einer Plage von Maulwürfen, die in den Gärten viel Schaden angerichtet hatten. Solche Wühler konnte man unmöglich dulden, und man beschloss, sie mit Fallen einzufangen und dann auf dem Rathaus abzuliefern. Als eine beträchtliche Anzahl an Maulwürfen zusammen war, sprach der Stadtrat den Tieren auf Anraten seines ältesten Mitgliedes das Todesurteil aus und beschloss, sie lebendig zu begraben. So wurden die Maulwürfe in einer kleinen Grube zugeschüttet ...
In den 1930er Jahren setzte der Stadtrat den „Cochemer Stückelchen“ sogar einen Brunnen als Denkmal, was zeigt, dass die Cochemer auch über sich selbst lachen können. Dieser „Bockbrunnen“ an der Moselpromenade bezieht sich auf folgendes „Stückelchen“:
Der gekelterte Ziegenbock
Ein Ziegenbock war ertappt worden, als er trotz der Sperrung der Weinberge weiße Rieslingtrauben gefressen hatte. Unverzüglich wurde er vor das Stadtgericht gebracht, doch der Prozess war schwierig, denn im Gesetz waren keine Strafen für Ziegenböcke vorgesehen. Nach langem Hin und Her erzielte man jedoch schließlich eine Einigung: Der Ziegenbock sollte unter die Kelter. Auf diese Weise wollte man den Traubendieb bestrafen und gleichzeitig den Most zurückgewinnen. Als aber der Bock unter der Kelter lag und sein Blut zu tropfen begann, wollten die anwesenden Räte ihren Augen nicht trauen. Der Ziegenbock hatte weiße Trauben gefressen, gab aber roten Most von sich. Das Rätsel machte sie stutzig und sie beschlossen, die Folter sofort auszusetzen. Sie erklärten den Bock für unschuldig und ließen ihn frei.
Auch das Makabere kommt in den „Cochemer Stückelchen“ nicht zu kurz:
Der Enthauptete
Eines Tages war wieder ein armer Sünder zum Tode durch das Schwert verurteilt worden. Es war aber in jenen Tagen so bitterlich kalt, dass sogar das Wasser in den Kochtöpfen einfror. Wie das Gesetz es befahl, musste die Hinrichtung dennoch stattfinden. Doch kaum hatte der Scharfrichter seines Amtes gewaltet, gefror das Blut des Enthaupteten, ohne dass ein Tropfen davon verloren ging, sodass der Kopf mit dem Halse zusammenblieb und nicht fortrollte. Der „Enthauptete“ lebte weiter. Was nun? Da war guter Rat wirklich teuer. Eine zweimalige Hinrichtung war bisher beispiellos und in keinem Gesetzesblatt vorgesehen. Unter den ungewöhnlichen Umständen fasste man daher einen ungewöhnlichen Beschluss und gewährte dem Sträfling Strafaufschub mit Bewährungsfrist. Der „Enthauptete“ erhob sich, um heimzugehen. Doch kehrte er zuvor in der nächsten Wirtschaft ein, um sich von seiner Todesangst zu erholen und aufzuwärmen. Wie er nun warm wurde, begab es sich, dass ihm die Nase zu tropfen begann. In Ermangelung eines Sacktuches wollte er die Nase mit den Fingern schnäuzen, griff aber zu fest zu und schleuderte den inzwischen ebenfalls aufgetauten Kopf zum Entsetzen der Anwesenden in großem Bogen in die Gaststube.
Die eine oder andere Anekdote ist möglicherweise auch dem leckeren Moselwein zu verdanken, dem man hier gern zuspricht und auf den man wohl noch nie verzichten mochte. Davon erzählt das folgende „Stückelchen“:
Die Beichte
Der trinkfreudige Lohgerber Vinzenz Laux aus der Löhrstraße ging regelmäßig zur Beichte zum gutmütigen Cochemer Pastor. Als dieser verstarb, kam ein eifriger und strenger Nachfolger, der vor allem das viele Trinken verbot. Vinzenz beichtete wie gewohnt und erhielt als Buße drei Litaneien. Da er sehr schwerhörig war und das Gehörte nicht glauben wollte, fragte er noch mal nach, und der Pastor wiederholte etwas lauter: „Drei Litaneien!“ Daraufhin kehrte Vinzenz ins „Stüffje“ ein und meinte, gegen den neuen Pastor könne man wirklich nichts Schlechtes sagen. Er habe ihm als Buße „drei Liter Neuen“ auferlegt, und das wäre eine Buße, die durchaus nicht zu verachten sei.
Anfang des 16. Jahrhunderts hatten sich die Cochemer den Zorn des Ritters Franz von Sickingen zugezogen, da nicht zuletzt wegen ihnen die Belagerung Triers gescheitert war. Über das dann Folgende berichtet das letzte „Stückelchen“:
Die Cochemer Fässerschlacht
Auf dem Rückzug des Ritters von Sickingen zogen dessen marodierende Soldaten auch an Cochem vorbei, die die Stadt in ihrer Wut stürmen wollten. Da die Stadttore aber fest verschlossen waren, schlugen die Landsknechte zunächst ein Lager auf den Wiesen im Enderttal auf. Innerhalb der Mauern galt es nun, eine Verteidigung zu organisieren. Und schlau wie die Cochemer nun einmal sind, hatten sie auch schnell eine Idee: Alle Bürger wurden aufgefordert, ihre leeren Weinfässer auf die Höhe über dem Enderttor zu rollen und dort übereinander zu stapeln. Als die Angreifer schließlich zum Sturm auf das Tor bliesen, lösten die Cochemer dann ihre Fässerpyramide – und die schweren Fässer polterten den Hang hinunter. Die Eindringlinge, die das Tor gerade eingerammt hatten, erlebten eine böse Überraschung: Hunderte Fässer rasten ihnen entgegen und fügten ihnen schwere Verletzungen zu, sodass ihnen schnell die Lust am weiteren Angriff verging. Überstürzt zogen sie daher wieder ab und meinten nur: „Wo es so viele leere Fässer gibt, ist die Beute wohl gering. Da lohnt sich die Schlacht auch nicht.“ Auf die gewonnene Fässerschlacht sind die Cochemer bis heute stolz. Und die Fässer sind inzwischen auch wieder mit köstlichem Moselwein gefüllt.
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