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Das Begleitbuch zum Rheinischen Sagenweg
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Die weiße Frau im Schlossturm

Düsseldorf ist eine moderne Großstadt, in der das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben pulsiert. Die Stadt ist aber auch reich an Sagen und Geschichten aus der Vergangenheit. Eine von ihnen basiert auf Ereignissen, die sich einst rund um das prächtige Stadtschloss direkt am Düsseldorfer Rheinufer zugetragen haben. Von dem früheren Prunk ist heutzutage allerdings nicht mehr viel zu erkennen, denn nachdem das Schloss bereits 1794 unter Kriegsbeschuss in Brand geraten war, musste es etwa 100 Jahre später nach einem weiteren Feuer fast gänzlich abgerissen werden. Heute zeugt nur noch der weithin sichtbare Schlossturm mit seinen dicken Mauern von dem einstigen Prachtbau. Und in genau diesem Turm, obwohl darin seit etwa 20 Jahren das Schifffahrt-Museum mit moderner Technik und Multimediashow untergebracht ist, soll es auch heute noch spuken. Wer dort herumgeistert, davon erzählt die folgende Geschichte.

 

Vor über 400 Jahren fanden am Düsseldorfer Rheinufer aufwändige Feierlichkeiten statt. Anlass war die Vermählung des Jungherzogs Johann Wilhelm mit der schönen Jakobe von Baden. Das Fest erstreckte sich über mehrere Tage, dem Brautpaar zu Ehren wurden Turniere veranstaltet, und an dem Schloss zogen zu Ungetümen „verkleidete“ Schiffe in festlicher Beleuchtung auf dem Rhein vorbei. Ein derart beeindruckendes Schauspiel hatten die Düsseldorfer Bürger noch niemals erlebt, und daher glaubten sie, in den Jungvermählten ein glückliches Herrscherpaar mit einer rosigen und langen Zukunft zu sehen. Aber das eheliche Glück von Jakobe und Johann war nur von kurzer Dauer. Johann Wilhelm wurde schwermütig, depressiv und vom Verfolgungswahn gequält. Nicht zuletzt deswegen blieb die Ehe auch kinderlos. Und am Hofe wurden Intrigen gesponnen. Weil der alte Herzog schon vor längerem vom Schlag getroffen war und das Land nicht mehr regieren konnte, Johann Wilhelms Geisteszustand dies aber ebenfalls nicht zuließ, lag die wahre Macht inzwischen in den Händen der Räte. Allen voran bei Marschall Waldenburg aus dem Bergischen Land, den man auch den „Schenkern“ nannte. Er verstand es aufs Beste, die Schwäche des Herzogs auszunutzen, um seine eigenen Interessen durchzusetzen. Aus diesem Grund versuchte er auch, Jakobe so viel wie möglich von ihrem Mann fern zu halten. Denn die junge Herzogin bemühte sich, gegen die politischen Ränkespiele eine eigene Politik durchzusetzen, besonders nach dem Tod ihres Schwiegervaters 1592. Dabei machte ihr jedoch Johann Wilhelms jüngere Schwester Sybille einen Strich durch die Rechnung: „Du warst meinem Bruder untreu und bist eine böse Gesetzesbrecherin“, sagte sie der Schwägerin auf den Kopf zu und verbreitete diese Verleumdung in Stadt und Land. Doch damit war es ihr noch nicht genug. Sie verbündete sich mit dem Marschall, der Jakobe schließlich verhaften ließ. Die junge Herzogin durfte ihr Zimmer im Schlossturm von nun an nicht mehr verlassen. 90 Anklagepunkte wegen Missachtung von Gesetz und Sitte hatte Sybille gegen ihre Schwägerin verfassen und einen Prozess eröffnen lassen. Sie war neidisch auf die Schönheit und das hohe Ansehen, das Jakobe in der Bevölkerung genoss, und musste um den Erfolg ihres Plans auch tatsächlich noch bangen. Denn so einfach ließ sich die Herzogin nicht kleinkriegen. Mit ihren Getreuen gelang es Jakobe, Beweise für ihre Unschuld zusammenzutragen, und schon bald verbreitete sich die Kunde, dass die Herzogin nach dem Gerichtsprozess die Freiheit wiedererlangen werde. Doch zu der abschließenden Verhandlung kam es nicht mehr. Am 3. September 1597 wurde Jakobe in ihrem Zimmer im Schlossturm tot aufgefunden. Als Ursache ließ man verlautbaren: „Jakobe starb an einem Schlaganfall“, und eine Woche später wurde sie mit einem schlichten Begräbnis in der Kreuzherrenkirche beigesetzt. Doch das Volk war aufgebracht und wollte nicht glauben, dass seine schöne Herzogin auf natürliche Weise verschieden sein sollte, zumal Augenzeugen angeblich Würgemale am Hals der Leiche gesehen hatten. Gerüchte machten die Runde: „Schenkern ist ein Mörder und hat sie umgebracht. Und wegen dieses Frevels irrt der Geist der Ermordeten ruhelos in den Gängen des Schlosses umher.“ Tatsächlich sah man bald darauf oft zu mitternächtlicher Stunde hinter den Fenstern des Schlossturms eine verschleierte Gestalt in weißem Gewand vorbeischweben. Stets hatte sie einen roten Streifen am Hals, als Zeichen dafür, dass sie erdrosselt worden war. Manchmal erschien der Geist von Jakobe auch wimmernd und wehklagend im blutverschmierten Kleid am Fenster.




Wissenswertes

Noch vor einem halben Jahrhundert glaubten Künstler, die damals Ateliers in dem Schlossturm eingerichtet hatten, das Knistern eines seidenen Gewandes zu hören. Auch soll ein Schatten durch die Gemäuer geschwebt und in den dicken Mauern verschwunden sein. Selbst heute munkelt man noch, dass um Mitternacht die „weiße Frau“ zwischen den Computern und Schiffsmodellen des Museums herumspukt. Den Gruselfans und Furchtlosen sei daher zur Geisterstunde ein Gang zum Schlossturm empfohlen. Wem es dann aber doch zu unheimlich wird, kann in der angrenzenden Düsseldorfer Altstadt bis weit nach Mitternacht seinem Gemüt mit ein paar Gläsern „Alt“, dem dunklen und für Düsseldorf typischen Bier, wieder Beruhigung und Ablenkung verschaffen.




Sehenswertes

Im Schlossturm am Burgplatz befindet sich heute das Schifffahrt-Museum. Der Turm ist der einzig erhaltene Teil des im 13. Jh. erbauten Düsseldorfer Stadtschlosses, das nach einem Brand 1872 vollständig zerstört wurde. Das Museum bietet einen umfangreichen Einblick in die Geschichte der Rhein- Schifffahrt, den Rhein als Naturraum sowie Informationen über die Geschichte der Stadt und des Schlosses.






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