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Das alte Weinstädtchen Kaub ist berühmt geworden durch die historische Rheinüberquerung der preußisch-russischen Armee unter Feldmarschall Blücher in der Neujahrsnacht 1813/14, dessen Truppen 1815 auch zum Sieg über Napoleon beitrugen. Über hundert Jahre später rückte die Gegend um Kaub und das benachbarte Lorch erneut ins Blickfeld der jüngeren deutschen Geschichte, denn nach den Wirren des Ersten Weltkriegs kam es hier zu einer kuriosen territorialen Entwicklung, die fast einem Schildbürgerstreich gleichkam. Was hier am Rhein in der Zeit vom 10. Januar 1919 bis zum 25. Februar 1923 genau passierte, davon berichtet die folgende Geschichte.
Nach dem Ersten Weltkrieg befanden sich die westlich des Rheins gelegenen Provinzen Deutschlands in der Hand der Franzosen und der Amerikaner. Um ihre militärische Präsenz bis auf die östliche Seite des Rheins auszuweiten, wurden unter anderem bei Koblenz (von der amerikanischen Armee) und Mainz (von der französischen Armee) Brückenköpfe eingerichtet. Beide Brückenköpfe waren mit einem Radius von jeweils 30 km halbkreisförmig angelegt und stießen rechtsrheinisch bei Laufenselden im Taunus aneinander. Aber es waren zwei Zirkelschläge von planerischer Gedankenlosigkeit. Denn wenn sich zwei Kreise nicht überschneiden, sondern nur an einem Punkt zusammenstoßen, bleibt eine Freifläche. So war aufgrund dieser Unachtsamkeit ein unbesetztes Gebiet entstanden, das bei Limburg begann und sich bis zum Rhein erstreckte, von Kaub bis Lorch. Ein kleiner freier Raum, eingeschlossen zwischen den Grenzen zu den besetzten Gebieten und abgeschnitten vom übrigen Deutschland, der vom Umriss her an einen Flaschenhals erinnerte und daher „Freistaat Flaschenhals“ genannt wurde. Man kann sich vorstellen, dass die dort lebende Bevölkerung zunächst glücklich war, nicht unter alliierter Kontrolle zu stehen. Die Verantwortlichen legten daher heftigen Protest ein, als die Siegermächte ihren Fehler korrigieren und auch dieses Gebiet besetzen wollten. Der Einspruch hatte Erfolg, und der Freistaat wurde fortan geduldet. Die Verwaltung und Versorgung der Bevölkerung wurde vom Lorcher Bürgermeister Pnischeck organisiert. Da ein wirtschaftliches Leben ansonsten unmöglich gewesen wäre, wurde sogar eine neue Währung, das Freistaatgeld, eingeführt. Die Sprüche auf den Geldscheinen spiegelten die Stimmung der damaligen Freistaat-Bewohner wider: „Nirgends ist es schöner als in dem Freistaat Flaschenhals“ oder „In Lorch am Rhein, da klingt der Becher, denn Lorcher Wein ist Sorgenbrecher“. Heute sind die Geldscheine bei Sammlern eine begehrte Rarität. Die Existenzmöglichkeit dieses kleinen Freistaats war natürlich stark eingeschränkt, vor allem die Versorgung der 8000 Einwohner gestaltete sich äußerst schwierig, denn der gesamte Waren- und Postverkehr war im wahrsten Sinne des Wortes nur sehr begrenzt möglich. Weder gab es Straßenverbindungen ins unbesetzte Deutschland, noch durften die von dort kommenden Eisenbahnen im Freistaat anhalten. Eine Ausnahme ist einem beherzten freistaatlichen Lokführer zu verdanken, der im Rüdesheimer Bahnhof einen Güterzug mit französischer Beutekohle kaperte und in den Flaschenhals lenkte, wo das willkommene Heizmaterial unter der Bevölkerung verteilt wurde. Erschwert wurde die Versorgung vor allem dadurch, dass sowohl die Grenzen bei Laufenselden zu den unbesetzten deutschen Gebieten als auch die zu den von Alliierten vereinnahmten Regionen verstärkt kontrolliert wurden. Die Beschaffung von Nachschub war daher nur auf Schmuggelpfaden möglich. Bei Nacht und Nebel blühte auch der Schmugglerverkehr über den Rhein, wurde allerdings von den Franzosen vom linken Rheinufer aus mit starken Scheinwerfern überwacht und immer wieder gestört. Eine heitere Episode aus jenen Tagen zeigt, mit welchem Humor man hier aber diese Situation ertragen hat: Als die Franzosen eines Nachts wieder einmal über den Fluss herüber in den Flaschenhals leuchteten, sahen sich einige mutige Jungen veranlasst, sich auf die Ufermauer zu stellen, ihre Hosen runterzulassen und den Franzosen frech ihre entblößten Hinterteile entgegenzustrecken. Sorge bereitete den Freistaatlern, was mit dem kostbaren Wein passieren sollte, der hier in Kaub und Lorch lagerte und wie man ihn vor dem Zugriff der Alliierten, sollten sie denn eines Tages doch einmarschieren, schützen konnte. Selbst aus dem nahe gelegenen, besetzten Rheingau wurde der Wein nachts mit Ochsenkarren über Waldwege hierher geschmuggelt, damit er nicht dem Durst der Franzosen zum Opfer fiel. Die Lösung der Freistaatler: Sie mauerten die Türen der Weinkeller einfach zu. Noch heute kann man in einigen Kellern Spuren dieser Tarnung besichtigen. Vor allem aber waren diese Lagerungsbedingungen dem Ausbau der Weine so förderlich, dass diese Jahrgänge bei Auktionen inzwischen Höchstpreise erzielen.
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