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Das Begleitbuch zum Rheinischen Sagenweg
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Das tragische Schicksal der Idilia Dubb

Das „Obere Mittelrheintal“ zwischen Koblenz und Bingen wurde im Jahr 2002 zum UNESCO-Welterbe ernannt. Das nördliche Portal dieser unvergleichlich reizvollen Landschaft bilden rechtsrheinisch die Burg Lahneck und linksrheinisch das Koblenzer Schloss Stolzenfels. Die Burg Lahneck mit ihrem unverwechselbaren fünfeckigen Bergfried thront wie ein Wachturm hoch über der Lahn und dem Rhein und bietet von dort einen herrlichen Panoramablick. Auch der Dichterfürst Goethe, der eine große und romantische Liebe zum Rhein hegte, war von der damaligen Burgruine und ihrem Bergfried derart beeindruckt, dass er sie 1774 in einem Gedicht bedachte. Und genau dort hat sich 1851, als von der Burg außer dem Bergfried nur noch die Grundmauern standen, eine überaus tragische, wahre Geschichte ereignet. Was sich damals tatsächlich zugetragen hatte, hat man aber erst im Nachhinein erfahren, als bei Restaurationsarbeiten das Tagebuch der Engländerin Idilia Dubb auf der Burg gefunden wurde. Ihre Aufzeichnungen schildern das grauenvolle Schicksal, das sie einst im Turm der Burg erlitten hat.

 

Ein Gedicht vom Drachenfels, das der englische Poet Lord Byron in sein berühmtes, 1818 erschienenes Werk „Childe Harolds Pilgrimage“ eingefügt hatte und das in unzähligen Reiseführern erschien, löste bei seinen Landsleuten eine regelrechte Reisewelle zum „romantischen Rhein“ aus. So unternahm auch der englische Kaufmann William Dubb zusammen mit seiner Frau und ihrer gemeinsamen 17-jährigen Tochter Idilia im Sommer des Jahres 1851 eine Schiffsreise entlang des Rheins. Nach einem Aufenthalt in Koblenz bezog die Familie Quartier im „Wirtshaus an der Lahn“ in Niederlahnstein. Am nächsten Morgen brach das junge Mädchen früh auf, um sich ein Plätzchen zum Zeichnen zu suchen – ohne zu ahnen, dass ihr Schicksal an diesem Tag einen tragischen Verlauf nehmen würde. Ihr Weg führte sie den überwucherten Pfad zur Ruine Lahneck hinauf. An der Schildmauer vorbei erreichte sie das Tor und den Eingang des 30 Meter hohen Bergfrieds. Sie bemerkte zwar, dass die Treppenstufen im Turm alt und morsch waren, aber Idilia überwand ihre Angst und stieg beherzt die Treppe empor. Sie hatte schon fast ihr Ziel erreicht und die Plattform des Bergfrieds erklommen, als etwas Fürchterliches passierte: Ein Teil des Treppengebälks zerbarst direkt unter ihren Füßen, stürzte in die Tiefe und zerstörte dabei auch die anderen Balken und Pfeiler. Die ohnehin baufällige Treppe hatte nun keinen Halt mehr und brach unter lautem Getöse in sich zusammen. Nur dank ihrer blitzschnellen Reaktion konnte Idilia gerade noch rechtzeitig mit den Händen das untere Mauerwerk der Plattform umklammern und sich unter großen Mühen auf das flache Turmdach hochziehen. Erschöpft blieb sie auf dem bemoosten Boden liegen. Ihr wurde bewusst, dass sie gerade dem sicheren Tod entkommen war, denn der Sturz wäre zu tief gewesen, um ihn zu überleben. Auch der erträumte Blick über die Täler von Rhein und Lahn sowie auf Lahnstein und Koblenz konnte sie nicht beruhigen. Denn ihr wurde nur zu schnell klar, dass sie sich ohne fremde Hilfe nicht aus ihrer Situation würde befreien können. Selbst ein Abstieg über die äußeren Mauern des Turmes war unmöglich, sie waren zu glatt und boten keinerlei Halt. Als Idilia nicht zurückkehrte, benachrichtigten ihre Eltern am nächsten Tag die Gendarmerie. Eine große Suchaktion mit über hundert Beteiligten begann und obwohl man einige Wochen lang in der gesamten Rheingegend nach ihr gesucht hatte, fand man keine Spur von der Engländerin. Idilia durchlitt indes fürchterliche Tage auf dem Turm. In ihrer Verzweiflung versuchte sie alles Erdenkliche, um auf sich aufmerksam zu machen, doch tragischerweise hielten die Reisenden auf dem Rhein ihr Winken nur für einen freundlichen Gruß. Auch einen alten Mann nahm man nicht Ernst, der im Lahnsteiner Wirtshaus berichtete, er habe beim Kräutersammeln nahe der Burg den Geist des Ritterfräuleins oben auf dem Bergfried gesehen. Da Idilia weder Nahrung noch Wasser hatte, schwanden ihre Kräfte immer mehr dahin. Ihrem Tagebuch vertraute sie in diesen Tagen Folgendes an: „Mir ist eiskalt, und ich bin so hungrig! Die Zunge klebt mir am Gaumen. In meiner Todesangst habe ich begonnen, mit den Fingernägeln lockere Steine aus dem Mörtel zu kratzen und sie zu einer Stufe aufzutürmen. Meine Finger bluteten, und als ich sie mir vor Schmerzen in den Mund steckte und die warme Flüssigkeit schmeckte, hätte ich mich am liebsten zerrissen, um mein eigenes Blut trinken zu können. Lieber Gott, es ist alles, was ich in den letzten achtundvierzig Stunden zu mir genommen habe.“ Der letzte Eintrag ist vom 19. Juni 1851 und endet mit dem Satz: „Gott im Himmel, erbarme Dich meiner Seele.“ Nachdem alle Suchaktionen ergebnislos verlaufen waren, kehrten Idilias Eltern schweren Herzens im Herbst 1851 nach England zurück und warteten weiterhin auf ein Lebenszeichen ihrer Tochter, jedoch vergebens. Später kaufte der Direktor der rechtsrheinischen Eisenbahngesellschaft die Burgruine Lahneck und begann mit dem Wiederaufbau. Die Arbeiten erstreckten sich über mehrere Jahre, und eines Tages fand man oben auf der Turmplattform die Überreste menschlicher Gebeine. Ebenso wurden auch eine goldene Armbanduhr, Ringe, eine Gürtelschnalle und die Reste eines weißen Damen-Strohhutes entdeckt. Schnell vermutete man einen Zusammenhang mit der verschwundenen Idilia Dubb, und als die eigens herangereiste Mutter die Habseligkeiten tatsächlich als die ihrer Tochter Idilia identifizieren konnte, war das tragische Rätsel um deren Verschwinden gelöst.




Wissenswertes

Bei der im Zuge des Wiederaufbaus vorgenommenen Erneuerung des Turmes fanden Arbeiter in einer Mauerspalte später dann auch das kleine Tagebuch, auf dessen halbvermoderten Seiten sich die Aufzeichnungen der letzten Tage von Idilia Dubb befanden. Bereits damals wurde ihr Schicksal in englischen und deutschen Zeitungen veröffentlicht und ist auch heute nachzulesen: Genevieve Hill (Hrsg.), „Das verschwundene Mädchen – Die Aufzeichnungen der Idilia Dubb“ (Verlag C. Bertelsmann, ISBN Nummer: 3-570-12745-1).






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Rheinische Sagen & Geschichten

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Gebundene Ausgabe:  19,95 Euro, ISBN 3-7616-1986-3

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