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Das Begleitbuch zum Rheinischen Sagenweg
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Die Linzer Strünzer

erzählt von Thomas Görden

 

Wann die Bezeichnung „Linzer Strünzer“ entstanden ist, weiß niemand genau. Strünzer kommt von „strunzen“, was angeblich aufschneiden bedeutet, aber gewiss nur darauf zurückzuführen ist, dass die Linzer, wie alle Rheinländer, gerne Geschichten erzählen und ein Schwätzchen halten. Dass die Linzer schon im Mittelalter als große Angeber und Aufschneider galten, die hohe, prächtige, farbenfrohe Fassaden vor ihre ansonsten kleinen Häuser setzten – was dem Ort den Beinamen „Bunte Stadt am Rhein“ einbrachte –, ist eine boshafte Behauptung, die nur von einem neidischen Andernacher in die Welt gesetzt worden sein kann. Nein, der Linzer Strünzer zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass er nie auf den Mund gefallen ist, pfiffig alle Schwierigkeiten meistert und, wenn die Situation es erfordert, einen gewaltigen Lärm zu machen versteht. Dies beweist eindrucksvoll die nachfolgende Geschichte.

 

Wie ein echter Linzer Strünzer, der als absolut zuverlässige Quelle gelten kann, glaubhaft berichtet, hat sich während des Dreißigjährigen Krieges Folgendes zugetragen. Damals wüteten die Truppen des schwedischen Königs Gustav Adolf im Rheinland und brachten der Bevölkerung großes Leid. Und es kam, wie es kommen musste: Auch vor den Toren der Stadt erschien eines Tages ein beunruhigend großer Haufen schwedischer Söldner. Sie forderten die sofortige Leerung der Linzer Speisekammern und die Herausgabe der kostbarsten Schätze: Wein und Bier in großen Fässern. Der Bürgermeister und die Stadträte gingen daraufhin zu Jupp Salzfass, der in jenen Tagen als der pfiffigste unter den Linzer Strünzern galt, und schilderten ihm den Ernst der Lage. Der Jupp strich sich nachdenklich durch seinen buschigen Bart und sagte: „Beim heiligen Martin, diese vertötschten Schweden werden uns Bier und Wein wegtrinken und unsere Mädchen rauben. Dem muss Einhalt geboten werden!“ „Aber wie denn bloß, Jupp?“, fragte der Bürgermeister verzweifelt. „Du weißt doch, dass wir Linzer zwar gut schwätzen und gut feiern, aber nicht gut kämpfen können. Die paar Schwerter, die wir hier herumliegen haben, sind alle schartig und verrostet.“ Jupp dachte angestrengt nach. Er zupfte sich am Bart, kratzte sich im Haar, aber es wollte ihm gar nichts Rechtes einfallen. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Die Ratsherren, die sich in seiner Stube versammelt hatten, beobachteten sein angestrengtes, aber ergebnisloses Nachdenken mit wachsender Besorgnis. Schließlich stand Jupp seufzend auf. „Ich brauche etwas geistige Anregung“, sagte er, stieg in den Keller und goss sich ein großes Glas seines selbst gekelterten Hausweines ein. Mit dem Glas setzte er sich wieder nach oben zu den anderen, und andächtig schauten alle zu, wie Jupp mit geschlossenen Augen langsam, Schluck für Schluck, das Glas leerte. Schon nach wenigen Minuten begann der magische Trank seine Wirkung zu entfalten. Jupps Züge entspannten sich. Er öffnete die Augen, schlug sich mit der Faust in die flache Hand und rief: „Heilige Maria! Ich hab’s! Ruft mir nach Einbruch der Dunkelheit heimlich die größten Linzer zusammen, die, die am meisten Lärm und Rabatz zu machen verstehen! Wir werden den Schweden die Suppe gründlich versalzen, so wahr ich Josef Salzfass heiße!“ Als sich der Abend auf die kleine Stadt gesenkt hatte, herrschte in den Gassen geschäftiges Treiben, ohne dass die Schweden, die vor den Mauern der Stadt auf der Lauer lagen, etwas mitbekamen. Der Jupp gab allen im Flüsterton – wenn die Lage es erfordert, können echte Strünzer auch ganz leise sein – Anweisungen zur Umsetzung seines Planes, zu dem der Geist des Weines ihn inspiriert hatte. Stunden vergingen. Und dann, in der dunkelsten Zeit der Nacht, kurz vor dem Morgengrauen, flammte auf dem höchsten der Hügel, von denen Linz umgeben ist, plötzlich ein loderndes Feuer auf. Lautes Kriegsgeschrei schallte zu den Schweden herab, die erschrocken zu den Waffen griffen. Nun wurden auch auf den anderen Hügeln Feuer entzündet, deren Flammen hoch in den Himmel schossen. Und auch von überall dort ertönten laute Kriegsrufe. Unterdessen waren die Linzer Fischer mit ihren Kähnen auf den Rhein hinausgefahren. Sie entzündeten jetzt Pechfackeln und brachen ebenfalls in heftiges Geschrei aus, sodass es schien, als setze eine große Schar Soldaten über den Fluss. Die Schweden wurden von Entsetzen gepackt und glaubten, ein riesiges Heer der kaiserlichen Truppen sei über Nacht angerückt, um ihnen den Garaus zu machen. Schreiend vor Angst wichen sie vor dem vermeintlich übermächtigen Gegner zurück und flohen die bewaldeten Hänge oberhalb des Rheintals hinauf. Keiner von ihnen wurde je wieder gesehen. Wie es heißt, fielen sie allesamt den damals auf den eisigen Höhen und in den düsteren Tälern des Westerwaldes noch sehr zahlreichen wilden Wölfen und Bären zum Opfer. Die Linzer aber, die den Lärm oben auf den Hügeln veranstaltet hatten, gingen lachend wieder ins Städtchen zurück und ließen ihren pfiffigen Jupp hochleben. Dann taten sie, was sie besonders gerne tun: Sie feierten den ganzen Tag bis spät in die folgende Nacht hinein ein Freudenfest, bei dem Bier und Wein in Strömen flossen und viel gegessen, gelacht, gesungen und getanzt wurde.




Wissenswertes

Bezweifeln Sie etwa, dass diese Geschichte sich wirklich so zugetragen hat? Dann sollten Sie unbedingt nach Linz kommen und durch die malerischen Gassen der Altstadt spazieren. In den gemütlichen rheinischen Kneipen dort werden Ihnen auch heute noch zahlreiche Strünzer begegnen, die Sie fragen können. Und eines steht jedenfalls außer Zweifel: Ein echter Linzer Strünzer ist nie um eine gute Antwort verlegen.






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Gebundene Ausgabe:  19,95 Euro, ISBN 3-7616-1986-3

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