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Das Begleitbuch zum Rheinischen Sagenweg
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Die Lilie zu Laach

Der Laacher See ist der größte Vulkankrater in der Eifel, der voll Wasser lief. Noch heute deuten Kohlensäurebläschen an einer Stelle auf vulkanische Tätigkeit hin. In unmittelbarer Nähe steht ein wunderschönes Ensemble aus Kirche, Hotel und der bekannten Benediktinerabtei Maria Laach. Die 60 Mönche des Klosters betreiben hier unter anderem eine eigene Gärtnerei, in der Blumen verkauft werden, die wegen ihrer unglaublichen Blütenpracht bei den zahlreichen Besuchern überaus begehrt sind. Im Angebot befinden sich auch weiße Lilien – nur weiß kaum einer der Käufer, welch wundersame Sage die Mönche der Abtei über eine solche weiße Lilie zu erzählen wissen.

 

Wie in vielen anderen Klöstern, erfreuen sich auch die Mönche in Maria Laach an besonderen Tagen nach dem Gottesdienst fröhlicher Feiern. Anlass für solche Feste gab und gibt es immer wieder, so etwa, wenn ein neuer Bruder in der Abteikirche geweiht und in die Kongregation aufgenommen wird. Auch an jenem Tag, zu der sich diese Geschichte vor langer Zeit zugetragen haben soll, feierten die Mönche einen brüderlichen Neuzugang. Am Abend saß man im festlich erleuchteten Refektorium gemütlich bei einem opulenten Mahl zusammen, und der Wein aus den nahe liegenden Weinbergen floss in Strömen. Einige Mönche steckten ihre Köpfe zusammen, tuschelten und schielten von Zeit zu Zeit mit geheimnisvoller Miene zu dem neuen Bruder hinüber. Sobald der aber in ihre Richtung schaute, taten sie so, als sei nichts gewesen. Das war dem Neuen jedoch nicht entgangen, und so rief er nach einer Weile laut in die Runde: „Nun sagt mir doch endlich euer Geheimnis.“ Da verfinsterten sich die Mienen der Mönche, und der Abt entgegnete dem jungen Bruder: „Du bist zu neugierig. Außerdem passt diese Geschichte nicht zu einem solch fröhlichen Fest. Lasst uns diesen Abend genießen.“ Doch während sich die anderen wieder dem Wein hingaben, setzte sich der junge Mönch neben den Abt und ließ nicht ab, ihn weiter zu befragen. Nach einer Weile gab dieser dem Drängen nach und erzählte von der seltenen Gnade, die Gott den Brüdern von Maria Laach erwiesen hätte. „Wenn die Zeit gekommen ist, dass einer von uns in den Himmel befohlen wird, um vor Gottes Richterthron zu treten, erfährt er dies zuvor durch ein Zeichen unseres Herrn.“ „Was für ein Zeichen?“, bohrte der junge Mönch nach. Mit ruhiger Stimme fuhr der Abt fort. „Bevor einer von uns Abschied nehmen muss, findet er einige Tage vorher zum Morgengebet auf seinem Stuhl im Chor der Abteikirche eine weiße, blühende Lilie. Und gleichgültig, ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter – es ist immer ein blühende Lilie.“ „Eine Lilie?“, fragte der junge Mönch mit verwirrtem Blick. „Ja, eine Lilie, denn sie ist ein heiliges Symbol und Zeichen dafür, wie keusch und rein deine Seele sein soll, wenn du von dieser Welt Abschied nimmst.“ Diese Geschichte verschlug dem jungen Mönch die Sprache. Mit versteinerter Miene blieb er noch eine Weile bei seinen fröhlich feiernden Brüdern sitzen, aber dann zog er sich in seine Zelle zurück, um zu schlafen. Doch vergebens! Voller Gedanken ob der Worte des Abtes ging er in seiner Zelle auf und ab. Er bemerkte nicht einmal, als es schon wieder dämmerte. Erst die Glocken der Kirche, die zum Morgengebet riefen, rissen den jungen Mönch aus seinen Gedanken. Erschrocken machte er sich auf den Weg und betrat als Erster an diesem Tag die Abteikirche. Doch was erblickte er da? Auf seinem Chorstuhl lag eine weiße Lilie! Der junge Bruder erstarrte wie gelähmt. Zu ehrwürdig waren der Abt und das Kloster, als dass es sich hier um einen Scherz handeln könnte. „So jung soll ich schon sterben?“, dachte er bestürzt. „Ich will aber noch leben“, schrie er sodann in die leere Kirche hinein. Da kam ihm in seiner Aufregung ein Gedanke. Er nahm die weiße Lilie und warf sie in hohem Bogen auf die andere Seite des Chorraums. Dort landete die Todesblume auf dem Stuhl, der für den Ältesten der Klosterbrüder reserviert war. Leichenblass und zitternd vor Angst, dass seine Tat entdeckt würde, verfolgte der junge Mönch, wie sich die Kirche füllte und auch der alte Mönch zu seinem Platz schlurfte. Als der die Lilie erblickte und das Zeichen erkannte, sprach er ohne Angst: „Mein Herr, ich bin bereit, zu dir zu kommen.“ Da der Alte ohnehin gebrechlich war und sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte, wunderte man sich in der Abtei nicht darüber, und es hieß, dass er nur noch drei Tage zu leben hätte. Und während seine Brüder schon die Gesänge für die Totenmesse übten und die Bestattung vorbereiteten, sah der fromme alte Mönch seinem Abschied gelassen und fast ein wenig fröhlich entgegen, sollte er doch schon bald vor seinen Herrn treten dürfen. Und da er sein Leben lang nach Gottes Geboten gelebt hatte, fürchtete er sich auch nicht vor seinem letzten Weg. Verwundert war er nur, dass er außer seinem Alter keine konkreten körperlichen Anzeichen dafür spürte, dass er in Kürze sterben sollte. Anders war dies aber bei dem jungen Mönch. Dieser wurde noch am gleichen Tage krank und bekam hohes Fieber. Obwohl er mit aller Kraft gegen die Krankheit ankämpfte, siechte er unter schrecklichen Fieberträumen dahin und lag schon tags darauf tot in seiner Zelle. So wurde er an Stelle des Alten, der sich noch einige Jahre seines Lebens erfreute, zu Grabe getragen.




Wissenswertes

Wer heute in der Abteikirche eine weiße Lilie erblickt, braucht hierin allerdings nicht gleich ein Zeichen Gottes zu sehen, denn die Laacher Mönche stellen des Öfteren auch selbst diese Blumen in die Vase am Altar. Wessen Seele so keusch und rein ist wie die weiße Lilie, der braucht sein Schicksal nicht fürchten: Diese ganz besondere Botschaft der Benediktinermönche von Maria Laach sollte auch jeder heutige Besucher des Klosters stets in seinem Herzen tragen.






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