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Das Begleitbuch zum Rheinischen Sagenweg
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Die heilige Genofeva

Der Name „Genofeva“ ist seit langer Zeit untrennbar mit der Stadt Mayen verbunden. Die Burg, die über der Stadt thront und das Stadtbild prägt, trägt ihren Namen, eine Höhle wurde nach ihr benannt, und für einige Kindergärten im Raum Mayen ist sie so etwas wie eine Schutzpatronin. Aber wer war diese Genofeva, die später sogar heilig gesprochen wurde? Eine Legende aus alten Zeiten erzählt von ihrer tragischen Geschichte.

 

Zu der Zeit, als Hildolf Erzbischof von Trier war, regierte im Raum Mayen der Pfalzgraf Siegfried. Seine Gemahlin war die wunderschöne und fromme Genofeva, eine Herzogstochter aus Brabant. Die beiden waren sehr glücklich miteinander, und Siegfrieds sehnlichster Wunsch war es, dass sie ihm bald einen Sohn gebären möge. Die Zeiten im Lande jedoch waren unruhig, und eines Tages erreichte Siegfried die Botschaft, dass er in den Krieg müsse. Schweren Herzens trat er vor seine Frau und sagte: „Liebste Genofeva, ich muss fort und gegen die Heiden kämpfen. Verweile du indes auf meiner Burg Simmern im Maifelder Gau, bis ich wieder zurückkehre, denn dort bist du sicher und geschützt.“ Seinen Diener Golo bat er: „Bleibe bei meiner Gemahlin und pass auf sie auf, damit ihr nichts geschehen möge.“ In der Nacht vor seinem Aufbruch war Siegfried seiner Genofeva nah, und am liebsten hätte er sie nie wieder losgelassen, so sehr bekümmerte ihn der Gedanke, sie am nächsten Morgen verlassen zu müssen. Und so liebten sie sich, bis sie eng umschlungen einschliefen. Als Genofeva bald darauf merkte, dass ihre Liebe Früchte getragen hatte, war Siegfried schon längst im Krieg, und die frohe Botschaft konnte ihn nicht mehr erreichen. Kaum war der Pfalzgraf von dannen gezogen, stellte sich jedoch heraus, dass er sich in seinem vermeintlich ergebenen Diener Golo getäuscht hatte. Denn der zögerte nicht lange, sich der schönen Genofeva zu nähern und ihr eines Tages seine Liebe zu gestehen. „Das darfst du nicht, und ich will das nicht. Das wäre Betrug an meinem Manne“, wies ihn Genofeva daraufhin zurück. Ob dieser Ablehnung schwer gekränkt, schmiedete Golo einen bösen Plan. In der Hoffnung, dass er sich Genofeva dadurch leichter nähern könnte, täuschte er sie bald darauf mit der falschen Nachricht, dass Siegfried und all seine Mannen im Meer ertrunken seien. Aber auch dies nützte nichts, denn Genofeva blieb Siegfried auch in ihrer Trauer treu und gebar ihm einen kräftigen Sohn. Kurze Zeit später traf ein reitender Bote auf Burg Simmern ein und teilte freudig die baldige Rückkehr des unversehrten Pfalzgrafen mit. Golo geriet in Panik, wusste er doch, welches Schicksal ihm drohte, wenn seine Hinterlist aufgedeckt würde. In seiner Not ging er zu einer Hexe, um sich bei ihr Rat zu holen. Die hatte auch gleich einen bösen Vorschlag: „Täusche den Pfalzgrafen und sag ihm, dass sein angeblicher Sohn zu einer Zeit gezeugt wurde, als er selbst gar nicht mehr in der Heimat weilte, Genofeva ihm also untreu gewesen sein muss.“ Golo gelang es nach der Rückkehr seines Herrn tatsächlich, diesen über das Datum der Zeugung zu täuschen. „Du warst damals schon weg, du kannst also unmöglich der Vater sein“, führte er aus. „Deine Frau war dir untreu und hat Ehebruch begangen. Dafür wirst du sie bestrafen müssen.“ Zutiefst gekränkt stimmte Siegfried, wenn auch schweren Herzens, zu und befahl einigen Knechten, Genofeva und ihren Sohn durch den Wald zum Laacher See zu bringen und sie dort zu töten, so wie Golo es vorgeschlagen hatte. Die Knechte aber hatten Mitleid mit ihren beiden Gefangenen, und statt sie umzubringen, überließen sie Genofeva und ihren Sohn den wilden Tieren im tiefen Wald der Vordereifel. Als „Beweis“ für den Tod der angeblichen Ehebrecherin schnitten sie einem Hund die Zunge heraus und brachten sie dem Pfalzgrafen. Genofeva aber weinte ob des Verrats und der Einsamkeit ganz bitterlich. Und da sie in der Wildnis nicht genug Nahrung fand, konnte sie schon bald ihren Sohn nicht mehr stillen und fürchtete seinen Tod. In ihrer Verzweiflung betete sie zur heiligen Maria. Kaum, dass sie ihr Gebet beendet hatte, sprang eine Hirschkuh aus dem Dickicht und kauerte sich mit ihrem gefüllten Euter neben das Kind. Genofeva erkannte die gesandte Hilfe und legte ihren Säugling ohne Furcht an die Zitzen der Hirschkuh, worauf dieser die Milch des Tieres trank. An diesem Ort blieben Genofeva und ihr Sohn sechs Jahre und drei Monate. Sie ernährten sich von der Milch der Hirschkuh sowie von den Wurzeln und Kräutern, die sie in der Wildnis fanden. Eines Tages ging der Pfalzgraf zufällig in eben diesem Wald zur Jagd. Und seine Hunde setzten alsbald ihre Witterung auf genau die Hirschkuh an, die Genofevas Sohn gesäugt hatte. Das Tier floh Schutz suchend in das Lager von Genofeva, die Hunde hinterher, und als der Pfalzgraf hinzukam, war er überrascht, hier in der Wildnis eine Frau zu entdecken, die zudem unbekleidet war. Als Siegfried sie fragte, wer sie sei, antwortete sie: „Ich bin eine Christin, leih mir deinen Mantel, damit ich mich bedecken kann.“ Siegfried gab ihr den Mantel und fragte sie nach ihrem Namen. Als sie ihn nannte, wurde es ihm schwer ums Herz, denn er musste an seine Frau denken. Da plötzlich bemerkte der Pfalzgraf ein ihm wohlbekanntes Mal in Genofevas Gesicht und sah auch ihren Trauring. Ihm wurde klar, dass er seine tot geglaubte Gemahlin vor sich hatte. Er umarmte und küsste sie und nahm auch seinen Sohn weinend in den Arm. Genofeva erzählte ihm die ganze Wahrheit und berichtete von der bösen Täuschung Golos. Daraufhin bat Siegfried sie, wieder mit ihm nach Hause zu kommen. Genofeva aber lehnte zu seiner großen Verzweiflung ab. „Nein, ich will genau hier bleiben, wo die Heilige Jungfrau mich vor den wilden Tieren beschützt hat und meinem Kind half, zu überleben.“ Nach seiner Rückkehr ließ der Pfalzgraf seinen treulosen Diener sofort einsperren, in den heutigen Goloturm auf der Mayener Genovevaburg. Die Strafe für seinen Verrat war schrecklich: An beide Hände und beide Füße wurde ihm ein kräftiger Ochse gebunden, und als man die Tiere antrieb, loszulaufen, zerriss es ihn bei lebendigem Leibe. Dies soll auf einer Anhöhe bei Bassenheim geschehen sein, wo sich der so genannte Goloring befindet. Wegen der göttlichen Hilfe und der Furchtlosigkeit Genofevas wurde die Stelle, an der Siegfried seine Gemahlin wieder gefunden hatte, bald darauf geweiht, und Genofeva bat ihren Mann: „Lass hier eine Kirche erbauen.“ Siegfried erfüllte seiner Frau diesen Wunsch, und als die Pfalzgräfin nur wenige Tage später völlig unerwartet starb, ließ er sie dort beisetzen.




Wissenswertes / Sehenswertes

Für die Legende, die im 8. Jh. spielt und im 15. Jh erstmals niedergeschrieben wurde, hat sich bisher kein historisch belegbarer Kern ausmachen lassen. Weder eine Genofeva noch ein Siegfried sind hier für diese Zeit bekannt, der einzige Pfalzgraf dieses Namens lebte rund 300 Jahre später. Heute geht man davon aus, dass der Verfasser der Legende durch eine solch wundersame Begründung die Bedeutung der Wallfahrtskirche Fraukirch betonen wollte.

 

Auf den Fundamenten einer fränkischen Saalkirche aus dem 8. Jh. wurde die Wallfahrtskirche Fraukirch im 13. Jh. erbaut. Beeindruckend ist der Barockaltar mit Darstellungen der Verkündigung Mariens und den Hauptszenen der Genofevalegende. Im 14. und 15 Jh. gewährten Bischöfe aus Avignon, dem damaligen Sitz der Päpste, Wallfahrern einen Ablass, wenn sie an bestimmten Festtagen – insbesondere an den Festtagen der Muttergottes – die Fraukirch besuchten.







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