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Das Begleitbuch zum Rheinischen Sagenweg
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Nur der Nassauer ist kein "Nassauer"

Sollte der Begriff „Emsen“ irgendwann einmal weitläufig mit dem erholsamen Aufenthalt in Bad Ems in Verbindung gebracht werden, dann werden die Etymologen, die sich mit der Herkunft von Worten befassen, dieses Buch als Quelle zitieren müssen. Mit dem zehn Kilometer von Bad Ems entfernt gelegenen Nassau wird allerdings auch heute schon eine Wortschöpfung verbunden, die bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts geläufig ist und umgangssprachlich einen Menschen bezeichnet, der auf Kosten anderer lebt – einer, der sich gerne aus- und freihalten lässt oder sich vor dem Bezahlen drückt: der Nassauer. Nun könnte man auf den Gedanken kommen, dass der Ursprung dieses Begriffs im Zusammenhang mit dem bekannten Räuberhauptmann Schinderhannes steht, der im nur 12 Kilometer entfernt gelegenen Miehlen geboren wurde. Seine Verbrechen waren jedoch viel kriminellerer Natur als das, was man heute unter „Nassauern“ versteht. Zudem war er bereits 14 Jahre, bevor es 1817 zu der Wortschöpfung kam, als Strafe für seine Verbrechen hingerichtet worden. Es muss also ein anderer gewesen sein, der dafür verantwortlich ist, dass der Begriff „Nassauer“ bzw. „Nassauern“ untrennbar mit der landschaftlich traumhaft gelegenen, gleichnamigen Stadt im Nassauer Land verbunden ist. Wie es dazu gekommen sein soll, davon erzählt die folgende Geschichte.

 

Die Region und die Stadt verdanken ihren Namen dem berühmten Geschlecht derer von Nassau. Als erster Graf von Nassau wird Heinrich I. im Jahr 1160 urkundlich erwähnt, die Wurzeln der Familie reichen jedoch noch weiter zurück bis in das vorangegangene Jahrtausend. Ihre im 12. Jahrhundert erbaute Stammburg thront bis heute über der Stadt, und Nachkommen des Hauses, das sich 1255 in zwei Linien aufteilte, sitzen heute auf dem niederländischen und dem luxemburgischen Thron. Hier soll allerdings von dem jungen Herzog Wilhelm I. berichtet werden, der 1816 mit 24 Jahren die Verantwortung für das Herzogtum Nassau übernahm, nachdem sein Vater im Januar desselben Jahres tödlich verunglückt war. Wilhelm galt als hochbegabt, witzig und als geschäftstüchtig. Im Zuge des Wiener Kongresses, bei dem die europäischen Verhältnisse neu geordnet wurden – Wilhelm hatte selber an der Schlacht gegen Napoleon bei Waterloo teilgenommen –, war das Herzogtum Nassau 1815 gerade als selbstständiger Gliedstaat des Deutschen Bundes anerkannt worden. Aber dieser Staat, den der junge Herzog nun regierte, hatte keine Universität. Wenn ein nassauischer junger Mann (Frauen erhielten erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland das Studienrecht) also nicht „landesverräterisch“ im Ausland studieren wollte – damit waren die anderen Teilstaaten Deutschlands gemeint –, blieb für das Studium nur die „Hohe Schule“ von Herborn. Da diese jedoch kein Promotionsrecht besaß, schloss Herzog Wilhelm im Oktober 1817 einen Staatsvertrag mit dem Königreich Hannover ab, wodurch die Königlich Hannoversche Georg-August-Universität zu Göttingen zu einer nassauischen Landesuniversität wurde. Ein gelungener Schachzug, denn so war es den nassauischen Studenten fortan möglich, ein vollwertiges Studium im „Inland“ zu absolvieren. Dies war für den Herzog insbesondere deshalb wichtig, weil es ihm vor allem darum ging, seine zukünftigen Landesbeamten dort ausbilden zu lassen. Die Sache hatte nur einen Haken: Göttingen war über 300 Kilometer von Nassau entfernt, und die Kosten für ein Studium konnten sich zur damaligen Zeit nur die wenigsten leisten. Aber Wilhelm I. hatte vorgebaut. Im März des Jahres 1817 war ein 72 Seiten umfassendes „Landesherrliches Edikt“ erlassen worden, mit dem die gesamte Kulturpolitik, zu der auch das Schul- und Bildungswesen zählte, neu geregelt wurde. In diesem Zusammenhang war auch ein Zentralstudienfonds gebildet worden, der die Finanzierung des gesamten Vorhabens gewährleisten sollte. Und in diesem hatte der Herzog bereits die finanziellen Voraussetzungen für die Bezuschussung des „inländisch-nassauischen Studiums“ seiner Studenten im Königreich Hannover geschaffen. Um nun den jungen Männern, die sich dem Nassauer Staatsdienst widmen wollten, neben dem Stipendium einen zusätzlichen Anreiz zur Aufnahme des Studiums im entfernten Göttingen zu schaffen, war mit der dortigen Universität noch eine weitere Vereinbarung geschlossen worden, in der Folgendes geregelt war: „Von den in Göttingen bestehenden siebenundsechzig Königlichen Hannövrischen Freitischstellen, welche zunächst für Ausländer bestimmt sind, werden drei Stellen ausschließlich Nassauischen Studierenden gewidmet, und wird überdies hinsichtlich der übrigen vierundsechzig Stellen auf die zu Göttingen studierenden qualificirten Nassauer gleich allen übrigen Competenten Rücksicht genommen.“ Diese „Freitischstellen“ bedeuteten, dass die Nassauer Studenten bei den dafür bestimmten Göttinger Wirten kostenlos verköstigt wurden. Blieb dann einmal einer von ihnen dem Freitisch fern, gab es schnell einen anderen Studenten, der nicht aus Nassau kam, sich jedoch als Nassauer ausgab und so unbefugterweise das Mahl einnahm. Da es damals noch keine Personal- oder Studienausweise gab, genügte es meistens schon, wenn man sich ein wenig in der Geschichte des Nassauer Geschlechtes auskannte, um sich als Nassauer ausweisen zu können. Auf diese Weise entstanden hier die studentischen Ausdrücke „Nassauer“ und „Nassauern“, die sich zunächst lediglich auf die fremden und ungebetenen Gäste bezogen, die auf Kosten der Nassauer Stipendiaten gegessen und getrunken hatten. Woraus sich allerdings auch ganz logisch ergibt, dass der Nassauer an sich in Wirklichkeit gar kein „Nassauer“ ist! Und vielleicht liegt in der Großzügigkeit des Herzogs von Nassau ja die zuvorkommende Gastlichkeit im Nassauer Land begründet, die den Besucher – so zum Beispiel auch heute noch auf der Burg Nassau – zwischen den Höhen des rapsgelben Taunus und dem buchengrünen Westerwald hier im romantischen Lahntal erwartet.

 




Wissenswertes

Einer anderen Erklärung zufolge leitet sich das Wort „Nassauer“ aus dem hebräischen Wort „nasson“ für „geben“ oder „schenken“ ab. Bereits das Rotwelsch, eine im 13. Jh. entstandene Geheimsprache der Gauner, deren Wortschatz zu einem großen Teil auf umgedeuteten Anleihen aus dem Jiddischen und aus Zigeunersprachen basiert, kannte bereits den Ausdruck „nass“ für „umsonst“. Auch im Frühhochdeutschen findet man z. B. die Bezeichnung „nasser Bube“, was so viel wie durchtriebener und gerissener Junge hieß. Aus dem Vermögen des Herzogs werden bis heute noch Stipendien an Studenten, die im ehemaligen Herzogtum Nassau geboren wurden, vergeben. Denn das Stiftungsvermögen des von Wilhelm I. geschaffenen Nassauischen Zentralstudienfonds besteht aus dem einst ihm gehörenden erheblichen Grund- und Waldbesitz rund um die Burg Nassau sowie vier Hofgütern und Wertpapieren. Und die Vergabe von Stipendien orientiert sich bis heute an den herzöglichen „Fleiß- und Sitte-Anforderungen“. So muss jeder Antragsteller ein Zeugnis über eine Fleißarbeit – die nicht zum eigentlichen Studienplan gehört – beifügen, die von einem Dozenten bzw. Professor mindestens mit der Note 3 bewertet ist. Erst dann erhält der Student sein Stipendium, und da es sich dabei um eine „Ausbildungsbeihilfe in Form einer Belobigung in Geld für eine besondere Studienleistung“ handelt, mindert dies auch nicht eventuelle Bafög-Zahlungen.




Sehenswertes

In Nassau steht das Geburtshaus, das Stein'sche Schloss, eines der bedeutendsten politischen Denker und Reformer des 18./19. Jahrhunderts: des Freiherrn Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein. In der von ihm verfassten „Nassauer Denkschrift“ forderte er die Beseitigung der bäuerlichen Erbuntertänigkeit und die Teilnahme der Bürger an der Bewältigung der gemeindlichen Aufgaben. Unterhalb der Burg Nassau steht die Ruine der Burg Stein, das Stammhaus der Grafen vom Stein, sowie das zu Ehren Steins errichtete Denkmal.







Alle Sagen und Geschichten finden Sie im offiziellen Begleitbuch zum "Rheinischen Sagenweg".

Rheinische Sagen & Geschichten

Das Begleitbuch zum "Rheinischen Sagenweg" mit den bekanntesten und schönsten Sagen und Geschichten von Rhein, Mosel, Lahn und Nahe. Ergänzt durch touristische Informationen. 416 Seiten, 48 farbige Illustrationen von der Kölner Künstlerin Gerda Laufenberg, über 300 farbige Bilder

 

 

Taschenbuchausgabe: 14,95 Euro, ISBN 3-7616-1869-7

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Gebundene Ausgabe:  19,95 Euro, ISBN 3-7616-1986-3

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In jeder Buchhandlung erhältlich.






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