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Wer heutzutage die Kreisstadt Neuss besucht, erlebt eine attraktive Stadt mit vielen interessanten historischen Zeugnissen – und braucht sich nicht zu fürchten. Doch das war nicht immer so. Denn vor etwas mehr als 200 Jahren, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, trieben gefährliche Räuberbanden wie überall im Land auch in Neuss ihr Unwesen. Ihre Quartiere hatten sie in verrufenen Spelunken auf der Neusser Furth im Norden der Stadt. Von dort aus planten die Banden ihre Beutezüge, die für sie ein einträgliches Geschäft waren. Und zu befürchten hatten die Gauner aufgrund der wirren politischen Gegebenheiten noch wenig.
Das deutsche Reich bestand zu dieser Zeit aus über dreihundert Kleinstaaten, und die Gebiete links des Rheins waren von den französischen Revolutionstruppen besetzt. Diese territoriale Zersplitterung machte es den Räubern leicht, sich nach ihren Raubzügen durch Flucht über die Landesgrenzen in Sicherheit zu bringen. Und wenn es den Soldaten und der Polizei dann doch einmal gelang, einen von ihnen zu fassen, so glückte diesem oft recht bald wieder die Flucht, nicht zuletzt dank der Unterstützung des schlecht bezahlten und daher bestechlichen Wachpersonals. Und die Franzosen, die neuen Landesherren am Rhein, hatten zunächst anderes zu tun, als sich um die Gesetzlosen zu kümmern. Es war genau in jener Zeit, als der erst 16 Jahre alte Mathias Weber, wie der „Fetzer“ mit bürgerlichem Namen hieß, im Jahre 1794 seine erfolgreiche Räuberkarriere im Rheinland begann. Sein Beiname stammt übrigens aus dem Rotwelschen, der Gaunersprache, und bedeutet, dass er besonders gut mit dem Messer umgehen, von Kutschen beispielsweise unbemerkt das Gepäck „herunterfetzen“ konnte. Die Raubzüge des Fetzers und seiner Bande gingen bis nach Holland und an den Mittelrhein. Eine seiner spektakulärsten Untaten aber war der Einbruch ins Neusser Rathaus im September 1796. Wegen seiner Klugheit, Tapferkeit, Stärke und wegen seines Geschickes beim Aufbrechen von Schlössern war Mathias von den anderen Räubern mittlerweile als Räuberhauptmann geachtet. Doch als er seinen Kumpanen diesmal eröffnete, dass er das Stadtarchiv im Rathaus überfallen wolle, lachten sie ihn zunächst aus. Dies schien ein Ding der Unmöglichkeit, da es zu gut gesichert und zu gut bewacht war. Nachdem er ihnen jedoch seinen Plan genauer vorgestellt hatte, nickten sie nur noch anerkennend und machten sich auf den Weg. Im Dunkel der Nacht machten sie die Wächter unschädlich und brachen die Türen des Stadtarchivs sowie die dort befindlichen Kisten und Schränke auf. Und es stellte sich heraus, dass sie hier wirklich einen großen Fang machen konnten. Denn neben dem Geld aus der städtischen Kasse und dem Stadtsilber lagerte hier auch wertvolles Kircheninventar, das man vor den französischen Revolutionstruppen in Sicherheit gebracht hatte. Die Fetzerbande nahm alles mit, was ihr in die Hände fiel. Darunter befand sich auch die Figur des heiligen Quirinus und eine silberne Weltkugel – beides bedeutete für die Stadt einen enormen Verlust, und bis heute ist weder das eine noch das andere wieder aufgetaucht. So war es nicht verwunderlich, dass die Stadtverwaltung alles daran setzte, die Räuber zu finden und mit Rundschreiben sogar die benachbarten Städte um Mithilfe bat. Und tatsächlich konnte der Fetzer Ende Oktober 1796 in einem Wirtshaus, in dem er mit einigen seiner Kumpane beim Kartenspiel saß, von Soldaten aufgetrieben werden. Trotz heftigster Gegenwehr wurde er mit drei seiner Komplizen festgenommen. Ihn und seinen Räuberfreund, den Deutzer Michel, sperrte man in den als Gefängnis dienenden Neusser Windmühlenturm an der Stadtmauer ein, wo sie bis zur Verhandlung bleiben sollten. Der Turm galt als absolut ausbruchssicher, aber Mathias gelang ein regelrechtes Husarenstück. Nachdem er alle Wände, den Boden und die Türen untersucht und dort keine Möglichkeit zum Ausbruch entdeckt hatte, häufte er mit seinem Mitgefangenen alles Stroh, das in der Zelle lag, zu einem großen Haufen. Der stämmige Michel stellte sich obenauf, und Mathias stieg auf dessen Schultern. In dieser Position lockerte er über eine Stunde lang die Bohlen an der Decke, bis es ihm schließlich gelang, ins Obergeschoss des Mühlenturms emporzusteigen und Michel ebenfalls zu sich hinaufzuziehen. Von dort aus kletterten die beiden an einem der Windmühlenflügel wie auf einer Leiter hinunter und gelangten so zum Wehrgang, der mit der Stadtmauer verbunden war. In Freiheit waren sie aber erst, nachdem sie von dort sieben Meter tief hinab in den morastigen Mühlengraben gesprungen waren. Mathias wurde noch viele Male verhaftet, aber immer wieder glückte ihm die Flucht. Erst Jahre später, als die französischen Besatzer den Räuberbanden konsequent den Kampf angesagt hatten, die Gemeinden zu strengen Patrouillen verpflichtet und eine Geheimpolizei gebildet worden war, gelang es, den Fetzer in Frankfurt am Main festzunehmen und ihm in Köln den Prozess zu machen. In zahlreichen Verhören hat er all seine Untaten gestanden und wurde daraufhin zum Tode verurteilt. Am 19. Februar 1803 wurde er auf dem Kölner Altermarkt hingerichtet. Der Fetzer ist wahrhaftig kein guter Mensch gewesen, sogar einige Morde sollen auf sein Konto gegangen sein, aber es heißt, dass der 25-Jährige auf dem Schafott noch gebetet und die jungen Leute vor den Bordellen und verrufenen Wirtshäusern gewarnt habe. Und die Eltern mahnte er, ihre Kinder religiös zu erziehen.
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