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Neuwied ist die einzige Stadt im Rheintal, die einen richtigen Hochwasserschutzdeich besitzt. Um 1930 erbaut, half er die Not der Menschen „einzudämmen“, die regelmäßig von den verheerenden Überflutungen betroffen waren. Errichtet wurde er auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Robert Krups, dem man später ein Denkmal setzte, das noch heute die Promenade auf der Deichmauer ziert. Er war jedoch nicht die erste Neuwieder Persönlichkeit, auf deren Engagement hin die Not zahlreicher Menschen gemildert wurde und dem die Bewohner daraufhin ein Ehrenmal errichteten: Der 1818 geborene Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der die Stadt Neuwied im 19. Jahrhundert als Bürgermeister prägte, hat inzwischen weltweit in über 100 Ländern fast 400 Millionen „Anhänger“. Darüber hinaus trägt heute ein ganzer Landstrich, das „Raiffeisenland“, durch das die „Historische Raiffeisenstraße“ zwischen Neuwied und Altenkirchen führt, den Namen des berühmten Sozialreformers und Genossenschaftsgründers. Doch worin genau bestand sein Verdienst?
Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in englischen Läden gepanschte Lebensmittel wie mit Gips vermischtes Mehl, Milch mit Wasser und Nudeln mit hohem Kreideanteil zu Wucherpreisen an die Hunger leidende Bevölkerung verkauft. Es gab jedoch Engländer, die diesen Zustand nicht weiter akzeptieren wollten, und so wurde 1843 von einigen Männern die Idee der Konsumgenossenschaft entwickelt: ein Laden, bei dem jeder Kunde Geschäftsanteile kaufen konnte und bei den Versammlungen Mitbestimmungsrecht hatte. Die Idee schwappte auf Kontinentaleuropa über, denn auch hier waren die Zeiten schlecht und die Bürger in Not: Kartoffelfäule, Getreidemissernten, Hungersnöte und die gescheiterte Revolution von 1848 taten ihr Übriges dazu. Die ehemals leibeigenen Bauern waren zwar frei, besaßen aber kaum Land, und das mit der Industrialisierung aufgekommene Proletariat verdiente zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Im Westerwald war es der strenggläubige, konservativ-romantisch gesinnte Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der im Hungerwinter 1846/47 auf die Idee kam, einen „Brodverein“ („Verein für Selbstbeschaffung von Brod und Früchten“) zu gründen. Der damals 27-jährige Bürgermeister der Gemeinde Weyerbusch hatte bei der preußischen Regierung zuvor Mehl aus staatlichen Beständen für die Armen beantragt. Diese stellte es jedoch nur unter der Bedingung zur Verfügung, dass es verkauft würde. Das missfiel Raiffeisen, und er organisierte, dass dieses Mehl mit Hilfe privater Spenden gekauft und in einem eigens dafür errichteten Backhaus zu Brot gebacken wurde. Auf Vorschuss wurde es dann an die Bedürftigen verteilt, die ihre Schulden erst nach dem Ende der Not zu zahlen brauchten. So bekamen die preußischen Herren ihr Geld aus einem Fonds, den die Reicheren der Gemeinde finanzierten, und Weyerbusch blieb vom Hunger verschont. Diese Idee des „Brodvereins“ stand Raiffeisen bei späteren Gründungen immer wieder Pate. Aufgrund seiner Leistungen wurde Raiffeisen 1848 Bürgermeister der größeren Gemeinde Flammersfeld. Hier setzte er sein soziales Engagement fort, denn weil Raiffeisen es nicht mit ansehen konnte, wie nur Wucherer den Bauern Geld gaben und diese in den Ruin trieben, wenn sie die Zinsen nicht zahlen konnten, gründete er den „Flammersfelder Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte“. Das Prinzip dieses vorgenossenschaftlichen Zusammenschlusses auf karitativer Grundlage war einfach: Die Reichen hafteten mit ihrem Vermögen, die Armen zahlten erst, wenn sie wieder zu Geld gekommen waren. „Hilfe zur Selbsthilfe“ lautete der Grundsatz Raiffeisens, auch heute noch einer der wichtigsten Leitlinien internationaler Entwicklungshilfe. Von Flammersfeld aus zog der „Vater“ der Genossenschaften nach Neuwied-Heddesdorf an den Rhein, wo er in einem schwarzen Haus residierte, das noch heute erhalten ist. Auch hier hatte der soziale Querdenker die Position des Bürgermeisters inne: Der sympathisch aussehende Raiffeisen, der einen kleinen Schnurrbart trug und dessen Augen ernst durch eine randlose Brille blickten, gründete im Jahr 1864 den „Heddesdorfer Darlehnskassen-Verein“. Damit entstand die erste ländliche Genossenschaft, die – ebenso wie der „Hülfsverein“ – Kredite vergab und die Zinsgewinne in soziale Projekte reinvestierte. Eines davon war eine Straße. Sie wurde von Weyerbusch aus nach Neuwied angelegt, „denn um ihre Produkte zu verkaufen, mussten die Bauern erst einmal hinunterkommen zu den größeren Orten am Rhein“, erklärte Raiffeisen. Diese Straße existiert heute noch als B 256 und wurde im Gedenken an ihren Initiator „Historische Raiffeisenstraße“ benannt. Raiffeisen blieb auch nach seiner Pensionierung 1865 in Heddesdorf wohnen und konnte erleben, wie sein Grundsatz „Einer für alle, alle für einen“ immer mehr Nachahmer fand. Seine Erfahrungen beschrieb er 1866 in dem Buch „Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Not der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter“, das weltweit Verbreitung gefunden hat. Auf Grundlage seiner Ideen entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahre und Jahrzehnte die bis heute leistungsfähige, für die Landwirtschaft und ländliche Bevölkerung unentbehrliche Raiffeisen-Organisation. Sein „Darlehnskassen-Verein“ existiert in Heddesdorf noch immer, jedoch als Raiffeisenbank Neuwied. Und hier, auf dem Friedhof in unmittelbarer Nähe der Bank, befindet sich unter hohen Bäumen das Grab, in dem Friedrich Wilhelm Raiffeisen 1888 beigesetzt wurde.
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