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Das Begleitbuch zum Rheinischen Sagenweg
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Die "Sieben Jungfrauen"

Mitten im romantischen „Tal der Loreley“ liegt die Stadt Oberwesel. Von mittelalterlichen Mauern und zahlreichen Türmen umgeben, wird sie auch die „Wehrhafte“ genannt. Einer der Türme, der auf einem hohen Felsen über der Stadt steht, überragt sie alle: der Bergfried der Schönburg. Die Geschichte dieser prächtigen Burg von Oberwesel, eine der ältesten Hochburgen am Rhein, lässt sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Von hier aus hat man einen atemberaubenden Ausblick auf das enge Rheintal, aus dem flussabwärts in den Sommern, in denen der Strom wenig Wasser führt, sieben Felsen aus dem Wasser ragen, die schon so manchem Schiffer zum Verhängnis geworden sind: Die „Sieben Jungfrauen“ werden diese Felsen genannt, und sie erzählen die Geschichte von sieben bezaubernd schönen Ritterfräulein, die vor langer Zeit auf der Schönburg gelebt und von denen die Burg ihren Namen haben soll.

 

Die Kunde von der Tugend, dem Reichtum und vor allem der Schönheit dieser Jungfrauen wurde damals von Sängern bis in die fernsten Länder getragen. So war es kein Wunder, dass manch junger Rittersmann von stolzem Geschlecht sich hoffnungsvoll auf den Weg begab, um ihnen den Hof zu machen. Schon bald herrschte reges Treiben auf der Schönburg, und die Edelmänner gaben sich die Klinke in die Hand, um das Herz einer der liebreizenden Damen zu erobern. Dies war für die Ritter keine leichte Aufgabe, denn die Konkurrenz war groß. Ständig fanden Turniere und Wettkämpfe statt, bei denen sie zeigten, wie tapfer und geschickt sie waren. Und mit romantischen Liebesliedern versuchten sie, das Herz einer der Schönheiten für sich zu gewinnen. Oft hatte es den Anschein, als hätte sich das eine oder andere jungfräuliche Herz auch tatsächlich einem Bewerber zugeneigt, und die Männer prahlten des Nachts untereinander mit ihren vermeintlichen Erfolgen. „Mir hat sie beim Tanzen fest die Hand gedrückt!“, trumpfte einer der Ritter auf, und ein anderer rief beglückt: „Mir hat sie eine Stickerei geschenkt.“ Aber schon nach wenigen Tagen war dann von der Gunst der jeweiligen Jungfrau nichts mehr zu spüren, und so mussten die stolzen Männer schmerzlich feststellen, dass sie die Zeichen wohl falsch gedeutet hatten. Die Herzen der sieben Schönen schienen aus Stein zu sein, denn sie ließen jeden Bewerber abblitzen. Während einige Freier dieses unnahbare Verhalten nur noch mehr reizte und sie sich immer neue Eroberungskünste einfallen ließen, zogen andere verärgert und enttäuscht von dannen, um auf einer anderen Burg ihr Glück zu suchen. Im Laufe der Jahre setzte sich schließlich die Überzeugung durch, dass die sieben Jungfrauen die Bewerber nur zum Narren halten wollten. „Nein, das lassen wir uns nicht mehr länger gefallen!“, war daher eines Tages der einstimmige Tenor der Ritterrunde. Und drohend tönte der Beschluss aus allen Männerkehlen: „Wir belagern die Schönburg so lange, bis der Stolz der sieben Jungfrauen gebrochen ist.“ Als diese Botschaft die Jungfrauen erreichte, schien es, als seien diese davon tatsächlich sehr betroffen, denn sie zogen sich sogleich zur Beratung zurück. Doch wie hätten die Schönen so lange mannigfaltigem Werben standhalten können, wenn sie nicht immer einen Ausweg gewusst hätten? Kurz darauf traten sie also wieder vor die Schar der Freier und teilten mit: „Wir sind bereit, dem Spiel morgen nunmehr ein Ende zu setzen.“ Die Freude unter den Edelmännern war groß. Sie putzten sich heraus, zogen ihre schönsten Gewänder an, sangen fröhliche Lieder, und so mancher steckte den Knappen und Zofen der sieben Jungfrauen noch heimlich Geschenke zu, um möglicherweise einen Vorteil zu erlangen. Als die Stunde der Entscheidung endlich gekommen war und sich alle Ritter im Hof der Schönburg versammelt hatten, war von den Schönen jedoch keine Spur zu entdecken. Stattdessen tauchte ein Herold auf und verkündete: „Lose sollen über die Zukunft der sieben Jungfrauen entscheiden.“ Die Lose wurden zwar verteilt, aber jetzt war es vorbei mit der Einigkeit im Männerlager: Neid herrschte unter den Verlierern, die voller Missgunst dennoch auf den nächsten Tag warteten, an dem die Gewinner ihre zukünftigen Ehefrauen treffen sollten. Am Morgen versammelten sich erneut alle im Hof, und als die Diener die Türen des Rittersaals öffneten, marschierten die Edelleute erwartungsvoll in den festlich geschmückten Raum. Doch schnell stockte ihnen der Atem: Denn dort saßen nicht die sieben Schönheiten, sondern lediglich Strohpuppen, die mit den Gewändern der Frauen bekleidet waren. Fassungslos blickten die Männer einander an, dann schweiften einige Blicke durch die Saalfenster hinunter zum Rhein. Und dort sahen sie ein Boot, in dem die sieben Jungfrauen stromabwärts fuhren. Schelmisch winkten sie hoch zur Burg, und ihr spöttisches Gelächter drang bis zur Schar der gedemütigten Freier hinauf. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, verdunkelte sich der Himmel. Es donnerte und blitzte, und der Kahn wurde von einer ungewöhnlich hohen Welle erfasst. Das Boot kenterte und wurde mitsamt seiner herzlosen Besatzung von den Tiefen des Rheins verschlungen. Dann verschwand das Unwetter genauso überraschend wieder, wie es gekommen war. Und genau an der Stelle, wo das Boot versunken war, sahen die sprachlosen Ritter auf der Schönburg, wie sich nun sieben spitze Felsen aus dem Rhein erhoben. Diese wurden fortan die „Sieben Jungfrauen“ genannt.




Wissenswertes

Es heißt, erst wenn ein starker Mann diese sieben Felsen aus dem Rhein hebt und sie zu Säulen einer Kapelle macht, würden die Seelen der Jungfrauen erlöst. Dem Volksmund nach sollen die „Sieben Jungfrauen“ auch heute noch jeder Frau als Warnung dienen, sich nicht allzu hartnäckig dem Werben aufrichtiger Freier zu verschließen.




Sehenswertes

Ursprünglich im Besitz der Grafen von Stahleck, wurde die Schönburg von Friedrich I. „Barbarossa“ 1166 einem seiner Ministerialen als Reichslehen überschrieben. Der Dichter Freiligrath bezeichnete das Bauwerk als „der Romantik schönster Zufluchtsort am Rhein“. Heute befindet sich in der Schönburg ein zauberhaftes Hotel mit Restaurantbetrieb. Romantische Turmzimmer, kuschelige Kemenaten, Butzenscheiben und Himmelbetten laden zum Verweilen ein – und in der burgeigenen Kapelle können Verliebte sich sogar trauen lassen.






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Rheinische Sagen & Geschichten

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Taschenbuchausgabe: 14,95 Euro, ISBN 3-7616-1869-7

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Gebundene Ausgabe:  19,95 Euro, ISBN 3-7616-1986-3

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