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| Das Begleitbuch zum Rheinischen Sagenweg |
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Auf dem Weg nach Norden umspült der Rhein am Ende des Mittelrheintals die kleine Insel Nonnenwerth. Die von gepflegten Gärten umgebenen Gebäude auf diesem malerischen Eiland gehören zu einem von Franziskanerinnen geführten Kloster. Es beherbergt ein Gymnasium und bietet jedem, der Ruhe und Einkehr sucht, die Möglichkeit zum Rückzug im Rahmen eines Klosterurlaubes. Auf der rechten Rheinseite ragen die Berge des Siebengebirges empor, auf der linken Seite grüßt das Panorama der Stadt Remagen, das von der Apollinariskirche überragt wird. Von der Insel geht der Blick rechts hoch zum Drachenfels, ihr gegenüber auf der linken Rheinseite hinauf zum Rolandsbogen, wo einst die Rolandsburg stand. Und dies ist der Schauplatz einer der schönsten Rheinsagen: der tragischen Geschichte von dem Ritter Roland und seiner Braut Hildegund.
Einst residierte auf der Drachenburg Graf Heribert, ein alter Haudegen, der in jüngeren Jahren viel Ruhm erworben hatte. Er lebte dort zusammen mit seiner wunderschönen Tochter Hildegund. Eines Abends, als es schon dunkel war, bat ein junger Ritter am mächtigen Eingangstor um Einlass. Es war Roland, ein Neffe Karls des Großen, dessen jugendlicher Tatendrang ihn von dem weit entfernten Palast des fränkischen Herrschers bis zu dieser Stelle geführt hatte. Der Kaiser hatte seinen Neffen nur ungern ziehen lassen, galt er dort doch als Held, den die Freunde bewunderten und die Feinde achteten. Freudig begrüßte Graf Heribert den jungen Ritter Roland, dessen Name auch hier einen guten Klang besaß. Und so unterhielten sich die beiden bis weit nach Mitternacht und erzählten von ihren Abenteuern. Am nächsten Morgen stellte der Burgherr dem Ritter seine Tochter vor. Roland durchfuhr es wie ein Donnerschlag, voller Leidenschaft blieben seine Augen an der wunderschönen Hildegund hängen. Noch nie zuvor hatte eine Frau so tiefe Gefühle in seinem Herzen geweckt. Er, der sich bislang ausschließlich nach Waffenruhm und Heldenwagnis gesehnt hatte, wurde mit einem Mal vom Zauberschlag der Liebe berührt. Auch ihr Herz entbrannte beim Anblick des tapferen Kriegers. Voll Bewunderung stand sie vor ihm, unfähig, ein Wort herauszubringen. Länger als jemals zuvor an einem anderen Ort seiner Reise verweilte Roland auf der gastlichen Drachenburg und verbrachte so viel Zeit wie möglich an der Seite Hildegunds. Jeden Tag kamen sie sich ein wenig näher, und ihre Liebe füreinander wurde immer stärker, bis der Graf dem Paar schließlich seinen Segen gab. Schon bald wuchsen hoch oben auf der anderen Rheinseite, der Drachenburg gegenüber, die Mauern der Rolandsburg. Nach der Hochzeit sollte dies ihr gemeinsames Heim werden. Doch kurze Zeit später erschien ein Bote vom Hofe des Kaisers. Dieser rüstete zu einem Kreuzzug gegen die Ungläubigen hinter den Pyrenäen und wünschte den erprobten Ritter an seiner Seite. Schweigend nahm Roland die Botschaft entgegen. Seinem Herrn durch Treuepflicht verbunden, teilte er Hildegund mit, dass er schon am nächsten Tage aufbrechen müsse, da man ihm im kaiserlichen Heerlager bereits erwarten würde. Ihr Antlitz ward totenbleich, als sie die Nachricht vernahm. Lange hörte Hildegund nichts mehr von ihrem Geliebten. Oft stand sie auf dem Drachenfels und blickte nach Südwesten zu den Türmen der Burg Rulecheseck, wie die Rolandsburg damals genannt wurde, weiter auf die bewaldeten Eifelberge und glaubte dahinter das ihr völlig unbekannte Ibererland zu sehen, wo ihr Roland kämpfte. Dort wurden heftige Schlachten ausgetragen, bei denen viel Blut floss. Unter Rolands Führung erstritt das Heer zahlreiche Siege für den Kaiser und das Kreuz. Auf dem Rückzug aber war Roland im Tal von Roncesvalles mit seiner Nachhut plötzlich vom Hauptheer getrennt. Und schon bald fiel eine Übermacht Mauren über sie her und metzelte nach schweren Kämpfen und trotz mutiger Gegenwehr fast alle Männer nieder. Auch Roland wurde von einer Lanze getroffen und stürzte schwer verwundet zu den Toten auf den Boden. Und weil er nicht unter den Frankenkämpfern war, die dem Massaker hatten entfliehen können, brachte ein Bote Karls die Nachricht: „Roland fiel in einer Schlacht gegen die Sarazener.“ Schnell erreichte die schreckliche Botschaft auch die Burg am Rhein. Als Hildegund sie aus dem Mund ihres Vaters erfuhr, ward sie wie gelähmt vor Schmerz. Es schien, als würden alle Lebensgeister aus ihr weichen, und lange Zeit konnte sie das Bett nicht verlassen. Schließlich trat sie vor ihren Vater und erklärte mit gefasster Stimme: „Von nun an will ich der Welt entsagen und als Nonne leben.“ Graf Heribert wollte sie von diesem Gedanken abbringen, aber alles gute Zureden war vergebens. Schon bald legte Hildegund im Kloster der Insel Nonnenwerth das ewige Gelübde ab und weihte ihr Leben in feierlichem Schwur dem Herrn im Himmel. Nicht lange danach hielt ein Ritter am Fuße des Siebengebirges und hob seinen Blick zur Drachenburg. „Hildegund“, sagte Roland mit sehnsuchtsvoller Stimme und drängte sein Pferd, ihn so schnell wie möglich zur Geliebten zu bringen. Wochenlang hatte ihn sein treuer Knappe, der ihn vom Schlachtfeld in Ronceval gerettet und in eine Hütte gebracht hatte, aufopferungsvoll gepflegt. Doch als die Wunden endlich verheilt waren, wurde Roland nur noch von einem Gedanken getrieben: endlich wieder bei Hildegund zu sein. Schließlich stand er vor Graf Heribert. Dem alten Burgherrn stürzten beim Anblick des Ritters die Tränen in die Augen. Roland ward bang ums Herz. „Wo ist sie? Tot?“, hallte seine Frage durch den Raum. Traurig sah ihn der Graf an: „Hildegund, die Braut des totgesagten Rolands, ist jetzt eine Braut des Himmels.“ Der Ritter erstarrte fassungslos und wollte das Unglück nicht wahr haben. Er setzte alles in Bewegung und machte seinen guten Einfluss geltend. Bis hoch zum Erzbischof formulierte er die Bitte, seine geliebte Hildegund von dem Gelübde zu befreien, obwohl er wusste, dass dies auf Ewigkeit geschlossen war. Als ihm schließlich deutlich wurde, dass er an diesem Schicksal nichts mehr ändern konnte, verließ ihn jegliche Tatenlust. Tagein, tagaus saß er von da an oben auf der Rolandsburg, ließ kein Auge ab von der kleinen Insel und versuchte Hildegunds Blick zu erhaschen. Manchmal schien es ihm, als ob sie sich grüßend neigte. Denn auch ihr war die Nachricht von der Rückkehr Rolands nicht verborgen geblieben. Schon bald darauf soll sie vor Liebeskummer gestorben sein, und so ertönte das Sterbensglöcklein auf der Insel. Der Klang des Glöckleins drang bis zur Rolandsburg hoch, und als der Ritter mit ansehen musste, wie seine Liebste zu Grabe getragen wurde, schwand auch sein Lebensmut. Die Wunden, die er in der Schlacht von Ronceval erlitten hatte, brachen erneut auf, und sein Körper fand nicht mehr die Kraft, dagegen anzukämpfen. So folgte auch er bald darauf dem Wege Hildegunds in dem festen Glauben, dass er im Jenseits mit seiner Geliebten wieder vereint sein werde.
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1633 wurde Burg Rolandseck noch als festes Bollwerk bezeichnet, verfiel jedoch in den folgenden Jahren, und bei einem heftigen Erdbeben stürzte 1673 auch die letzte starke Mauer ein. Nur ein Bogenfenster blieb stehen, das fortan „Rolandsbogen“ genannt wurde. Aber auch dieser brach bei einem Sturm, in der Silvesternacht 1839, zusammen. Historisch ist der Zusammenhang zwischen dem Roland, der unter Karl dem Großen gegen die Mauren kämpfte, und diesem Ort allerdings so gut wie ausgeschlossen. Burg Rolandseck, deren Überrest der Rolandsbogen darstellt, wurde 1040 zum ersten Mal als fester Platz erwähnt und 1122 im Zusammenhang mit der Gründung des Frauenklosters Nonnenwerth durch den Erzbischof von Köln errichtet, wie eine Steininschrift im Klosterhof besagt. Die Burg war vermutlich zum Schutze des Klosters angelegt, stellte aber mit Drachenfels und Wolkenburg zugleich einen Riegel gegen einfallende Kriegsscharen ins Kölner Land dar. Der historische Krieger Roland war jedoch bereits im Jahr 778 ums Leben gekommen, und zwar in eben jener Schlacht, von der die Sage erzählt. Auch gilt es als unwahrscheinlich, dass er jemals Besitztümer in dieser Region besessen hat. Seit dem Mittelalter war der Ritter jedoch zu einer weit verbreiteten Heldengestalt in zahlreichen Erzählungen geworden, sodass das Rolandseck aufgrund der Namensüberschneidung vermutlich irgendwann mit seiner Person verbunden wurde.
Der Dichter Ferdinand Freiligrath hatte diesen Ort von seinen Erkundungen des umliegenden Rheinlandes in „süßer Erinnerung“. Als ihn die Nachricht von dem Einsturz des Bogens erreichte, engagierte er sich kurz darauf bereits für den Wiederaufbau und initiierte einen Spendenaufruf. Und tatsächlich konnte der Rolandsbogen noch im gleichen Jahr nach den Plänen des damaligen Kölner Dombaumeisters Ernst Friedrich Zwirner neu errichtet werden. Freiligraths Rettung des historischen Gemäuers ist ein frühes Beispiel für Denkmalschutz, dem eines der wichtigsten Zeugnisse für die Kultur der Rheinromantik zu verdanken ist. 1894 beantragte Peter-Josef Lenz, Tanz- und Anstandslehrer auf Nonnenwerth, die Konzession zum Ausschank von Wein und Spirituosen an diesem Ort. Nicht zuletzt wegen seiner Tochter Sophie, die als besungene „Base vom Bogen“ Berühmtheit erlangte, entwickelte sich der Ort im 19. Jahrhundert zu einem beliebten Treffpunkt und Wanderziel für Studenten, Dichter, Denker und Müßiggänger. 1929 wurde das Restaurant, das heute in der fünften Generation betrieben wird und eine moderne regionale Küche bietet, in seiner jetzigen Form errichtet. Auf der Terrasse können sich sonnenhungrige Gäste mit rustikalen Gerichten frisch vom Grill verwöhnen lassen. Und den Blick, den man von hier oben hat, bezeichnete schon Humboldt als „einen der schönsten der Welt“. Seither haben zahlreiche weitere berühmte Persönlichkeiten den Rolandsbogen besucht. Konrad Adenauer verlobte sich hier, und Louis Trenker genoss die Höhe über dem Rhein. Willy Brandt, Walter Scheel und Helmut Kohl luden während ihrer Amtszeit Gäste in das Restaurant, und selbst der amerikanische Präsident Bill Clinton hatte zum Abschluss des Weltwirtschaftsgipfels in Köln ein privates Dinner mit Bundeskanzler Gerhard Schröder an diesem Ort.
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Die "süße" Geschichte von einem Märchenschloss am Rhein




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Rheinische Sagen & Geschichten
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