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Das Begleitbuch zum Rheinischen Sagenweg
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Die Rhenser Eierspende

Es war der Ort, an dem die deutschen Könige gewählt wurden: das idyllische Rhens, direkt am Rhein gelegen und von Wäldern und Weinbergen umgeben. Seit 1273 kamen hier in einem Nussbaumgarten außerhalb der Stadt die deutschen Kurfürsten zu Verhandlungen über Angelegenheiten des Reiches zusammen, vor allem zu solchen, in denen über die Königswahlen beschlossen wurde. Die alte Stadtmauer umschließt nicht nur eines der ältesten, auch heute noch genutzten Rathäuser in Rheinland-Pfalz – und zugleich ein wunderschöner Fachwerkbau –, sondern auch den „Scharfen Turm“, der zuerst als Späh-, dann als Zollturm und später als Gefängnis für „Hexen“ genutzt wurde.

 

Agnes von Flören, Tochter des reichen Koblenzer Weinhändlers und Ratsherrn Johannes von Flören, war alles andere als eine Hexe. Wie so oft weilte sie auch 1631 mit ihren Eltern zur Osterzeit, im Anschluss an eine Wallfahrt nach Bornhofen, wieder einmal zu Besuch bei dem kurkölnischen Amtmann Sebastian Högg in Rhens. Die beiden Familien waren seit Jahren miteinander befreundet und trafen sich regelmäßig. Im Laufe der Zeit hatten Agnes und der Sohn des Amtmanns, Hans Högg, einander lieben gelernt, und dieses Mal hatte der Besuch einen besonders freudigen Anlass: Man feierte die Verlobung der beiden. In Rhens gab es damals einen Brauch, der schon seit dem Mittelalter gepflegt wurde: die Eierspende. Jeden Ostermontag zogen Kinder und Jugendliche, angeführt von ihren Lehrern und dem Stadthirten, der auf einer Schalmei spielte, vom Marktplatz aus in einem Festzug durch den Ort. Sie hielten vor jedem Haus an, sangen einen uralten Bittspruch – und wenn sie den erbetenen Osterfladen oder gefärbte Eier erhalten hatten, ließen sie ihren Dankesspruch erklingen und zogen weiter. An diesem Ostermontag trat Agnes strahlend vor Freude gemeinsam mit ihrem Verlobten den Kindern entgegen, um Eier und Osterkuchen an sie zu verteilen. Dieser Brauch war auch ihr mittlerweile zu einer lieben Tradition geworden, und als sich der Vorrat dem Ende neigte, versprach sie: „Nächstes Jahr komme ich als Ehefrau von Hans wieder und werde erneut Eier und Kuchen verteilen.“ Die kleine Gesellschaft quittierte dies mit freudigem Jubelgeschrei. Doch tragischerweise sollte es ganz anders kommen. Es waren die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, und Hans musste kurz darauf ins Feld ziehen, wo er in einer der Schlachten von einer Geschützkugel tödlich getroffen wurde. Auch das Rheinland blieb nicht vom Krieg verschont. Agnes musste mit ihren Eltern nach Bacharach fliehen, doch als die Schweden dieses kleine Städtchen im Sturm nahmen, kamen ihr Vater und ihre Mutter ebenfalls ums Leben. Agnes war nun völlig allein auf der Welt und suchte als Nonne Zuflucht im Kloster Oberwerth. Viel von dem, was ihr Freude bereitete, war ihr nicht mehr geblieben – nur die Liebe zu Kindern trug sie weiterhin tief in ihrem Herzen. So kam im Jahr darauf zu Ostern keine strahlende Ehefrau mit ihrem Mann nach Rhens, sondern eine bleiche, stille Nonne. Dennoch hielt sie das gegebene Versprechen und spendete den Rhenser Kindern wieder gefärbte Eier und Kuchen – eine Gewohnheit, die sie auch in den darauf folgenden Jahren einhielt: Jeden Ostermontag empfing sie von nun an den Zug der fröhlichen Kinder, denn ihnen eine Freude zu machen, das war ihr zugleich immer auch eine liebe Erinnerung an das eigene, unwiederbringlich vergangene Glück. Dieser Brauch war Agnes im Laufe der Jahre so heilig geworden, dass sie darauf bedacht war, dass er auch über ihren Tod hinaus erhalten bleiben sollte. Deshalb vermachte sie das gesamte Vermögen, das sie von ihren Eltern geerbt hatte, dem im 14. Jahrhundert gegründeten Rhenser Hospital unter der Bedingung: „Alljährlich müssen am Ostermontag 1100 gefärbte Eier und ebenso viele Wecken an die Kinder der Stadt Rhens verteilt werden.“ Und fast zwei Jahrhunderte lang wurde ihr Vermächtnis auch beibehalten. Doch im Jahr 1823 stellten einige den Sinn dieses Brauchs in Frage, und der damalige Landrat Burret verfügte, dass das Hospital für zwei Drittel der vorgesehenen Summe von nun an Bücher für arme Kinder kaufen sollte. Das verbleibende Drittel sollte als Belohnung für die Kinder verwendet werden, die fleißig gewesen waren und sich gut geführt hatten. Das Hospital aber widersprach dieser Anweisung, und der Landrat genehmigte schließlich erneut die Ausgabe von Eiern – allerdings unter der Bedingung, dass die Stiftungsurkunde herbeigebracht würde. Doch obwohl die Urkunde nicht aufzufinden war, wurde die Eierspende auf Beschluss des Hospitals zunächst auch weiterhin in althergebrachter Art gefeiert. Aber in den darauf folgenden Jahrzehnten wechselten sich die Zeiten, in denen der Brauch gepflegt wurde, mit denjenigen ab, in denen er nicht am Leben erhalten wurde oder zum Beispiel durch Kriege nicht aufrechterhalten werden konnte. Erst das Engagement der Stiftung „Rhenser Kulturbesitz“ hat seit 1988 dazu geführt, diese Tradition wieder aufleben zu lassen und sie zu bewahren. Gemeinsam mit der Stadt und dem Rhenser Mineralbrunnen lädt sie seitdem jedes Jahr zu Ostern Kinder und Eltern ein, die alte Sitte des Eierspendens im Sinne von Agnes von Flören fortzuführen.




Wissenswertes

Der Brauch, Eier zu verteilen, herzugeben und zu verschenken, hat unterschiedliche Traditionen. Als Symbol für Fruchtbarkeit und neues Leben dienten Eier in vorchristlicher Zeit schon immer auch als Opfergaben. Im Mittelalter war die Osterzeit ein feststehender Zahlungstermin, an dem dem Grundherren als Sachleistung für das gepachtete Land Eier überreicht wurden. In der christlichen Fastenzeit hatte dieser Brauch zudem einen praktischen Grund, denn Strenggläubigen war in diesen Wochen der Genuss von Eiern verboten. Weil aber die Hühner auch während dieser Zeit ihre Pflicht taten, wurde das Überangebot der gesammelten Eier, die aus Gründen der Haltbarkeit gekocht wurden, zur Osterzeit verschenkt – vor allem an Kinder, sowohl aus ernährungsbedingten als auch aus religiösen Gründen. Heute ist davon nur noch die lieb gewonnene Tradition geblieben, ohne dass der eigentliche Ursprung noch allgemein bekannt ist.






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