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Das Begleitbuch zum Rheinischen Sagenweg
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Der "Deutsche Michel"

Eingebettet in die reizvolle Landschaft am Rande des Hunsrücks zwischen den Flüssen Rhein und Nahe liegt Stromberg, die Heimat des „Deutschen Michel“. Sie wird auch Stadt der „Drei Burgen“, der „Drei Hügel“ und der „Drei Täler“ genannt und ist auf der Reise entlang des „Rheinischen Sagenwegs“ das Tor ins Naheland. Eine der drei Burgen, die weithin sichtbar über der Stadt thront, prägt das Panorama und ist das Wahrzeichen der Stadt: die Stromburg. Während von der Stauferburg am Pfarrköpfchen nur noch die Fundamente vorhanden sind und von Burg Gollenfels nur noch Ruinen stehen, hat der bekannte Fernsehkoch Johann Lafer die Stromburg zu Füßen des Soonwaldes in ein Hotel und einen Gourmettempel verwandelt, den er – ausgezeichnet mit einem Michelinstern – „Le Val d´Or“ (Goldenes Tal) nennt. Der Blick von hier aus in die Tiefe wird dem Namen durchaus gerecht. Hat sich der heutige Burgherr einen Ruf unter den Spitzenköchen dieser Welt gemacht, so war es einer der früheren Bewohner, dessen Name zum weltweit bekannten Ruf der Deutschen als heimattapfere und unerschrockene Männer beigetragen hat. Seine militärischen Taten und Bravourstücke brachten ihm, in Anspielung auf seinen Vornamen, den bei Freund und Feind ebenso anerkennenden wie gefürchteten Ruf des „Deutschen Michel“ ein, der seitdem erhalten blieb, wenn auch oft mit falschen Attributen behaftet. Es war der Reitergeneral Hans Michael Elias von Obentraut, dessen Beiname dieser Geschichte den Titel gibt. Sie erzählt, wie er dazu gekommen ist.

 

Das Erbauungsjahr der Stromburg ist nicht genau zu ermitteln, man weiß nur, dass sie 1056 bereits errichtet war. Nachdem sie 60 Jahre später zerstört und vom Pfalzgrafen unter dem Namen Stromburg wieder aufgebaut wurde, verwaltete sie später der kaiserliche Rat Johann Barthel von Obentraut, dessen Stammsitz sie wurde. Im nahe gelegenen heutigen Guldental, wo die von Obentrauts große Ländereien und ein festes Haus besaßen, wurde Hans Michael Elias von Obentraut am 2. Oktober 1574 geboren. Seine Kindheit verlebte er jedoch auf der Stromburg. Nach anfänglichem Jurastudium in Heidelberg ließ er sich von der Armee anwerben und zog 1618 an der Spitze einer 500 Mann starken kurpfälzischen Kavallerie in den Dreißigjährigen Krieg. Bei Frankenthal in der Pfalz gelang es ihm, eine spanische Reitertruppe, die auf Seiten der kaiserlichen Soldaten kämpfte, vernichtend zu schlagen. 1622 trugen seine Männer einen weiteren Sieg über den Feldherrn der katholisch- kaiserlichen Truppen, General Tilly, davon. Drei Jahre später, diesmal als Generalleutnant im Dienst des Dänenkönigs, kam es zu einer erneuten Schlacht gegen die Truppen Tillys bei Seelze, westlich von Hannover. Dabei wurde Michel von Obentraut von einer feindlichen Kugel in die Brust getroffen und tödlich verletzt. Als Feldherr Tilly diese Nachricht erhielt, ließ er das mörderische Gefecht stoppen und ging zu dem Sterbenden, um dessen Heldenmut ein letztes Mal zu ehren. Die Spanier brachten als Erste den Namen des gefürchteten „Miguel Aleman“ auf, dessen Blitzaktionen sie zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges in Angst und Schrecken versetzt hatten. Dass er diesen anerkennenden Namen von den Spaniern erhielt, wurde erstmals in einem Schriftstück aus dem Jahre 1701 erwähnt. Bedingt durch die Verehrung von Hans Michael Elias von Obentraut durch den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. wurde die Bezeichnung „Deutscher Michel“ unter den bürgerlich-liberalen Revolutionären im Vormärz 1848 in Karikaturen und Satiren als eher abschätzige Personifikation des deutschen Spießbürgers, der sich um seine Bequemlichkeit sorgt statt sich politisch zu engagieren, missbraucht – so z. B. auch von Heinrich Heine in seinem Gedicht vom „Michel nach dem März“. Eine Sage um Michael von Obentraut könnte dabei ausschlaggebend für das Bild des „spießigen und schlafmützigen Deutschen“ mit der Schlaf- bzw. Zipfelmütze gewesen sein, das bis heute in Verkennung der Tatsachen erhalten geblieben ist. Denn bei der letzten Schlacht von Michael von Obentraut soll der Angriff des Gegners so überraschend und im Morgengrauen erfolgt sein, dass er sich nur mit einem Stiefel und ohne Helm, aber noch mit der Schlafmütze auf seinem Kopf heldenmütig in den Kampf gestürzt hat. So ist der „Deutsche Michel“ bis heute ein personifiziertes „Nationalsymbol“ für die deutsche Bevölkerung. Im Gegensatz zu denen anderer Völker, wie z. B. dem „Uncle Sam“ der Amerikaner, dem „John Bull“ der Briten und der „Marianne“ der Franzosen, hat es einen „Michel“ aber tatsächlich gegeben. Seine sterblichen Überreste wurden in der Marktkirche von Hannover beigesetzt, und ein Denkmal im nahe gelegenen Seelze erinnert noch heute an Kriegshelden. Wer Lust hat, auf den Spuren des „Deutschen Michel“ zu wandeln, dessen Weg sollte spätestens am ersten Juni-Wochenende nach Stromberg in „Michels Land“ führen. Denn neben einem möglichen Besuch des Heimatmuseums, in dem Stücke aus der Vergangenheit des berühmten Strombergers ausgestellt sind, und einem Festmahl auf der Stromburg (Tischreservierung empfehlenswert) lädt die Stadt ihre Besucher zum „Historischen Stadtfest“ ein, bei dem Rittergilden, Spielleute und Handwerker die mittelalterliche Zeit wieder aufleben lassen.




Wissenswertes

Eine Theorie über „Michel“ als Bezeichnung für die Deutschen sieht den Ursprung in den „Michelbrüdern“, deutsche Pilger, die im 15. Jh. zum französischen Mont St. Michel zogen. Von deren Liedern verstanden die Franzosen nur das immer wiederholte „Michael“, was dem französischen Wort „michelot“ ähnelte, eine Bezeichnung für einen Betteljungen oder einen frömmelnden Heuchler, der nur zum Schein wallfahrtet. Eine weitere Erklärung findet sich in der „Sprichwörtersammlung“ des deutschen Dichters Sebastian Franck von 1541. Dort kennzeichnet der „Michel“ einen ungebildeten, einfältigen Menschen. Zugrunde liegt die zu der Zeit in bäuerlichen Kreisen häufig gebrauchte Kurzform des Vornamens „Michael“.






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