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erzählt von Leonhard Reinirkens
In dem romantischen Städtchen Unkel mit seinen zahlreichen Weinlokalen, in denen die Gäste auch heute noch allabendlich mit Musik unterhalten werden, haben die Unkeler schon immer ausgiebige Feste gefeiert. Aber selten eines, das einen so ungewöhnlichen Ausklang genommen hat. Von diesem Fest erzählt folgende Geschichte.
Der Hannes Bohnefaß war ein Winzer, wie manch einer in Unkel. Zufrieden hätte er sein können, aber die Kinder machten Verdruss. Der jüngere, der André, war ein Leichtfuß. Er war der Liebling seines Paten André Moulé, Weinhändler in Königswinter, der dafür gesorgt hatte, dass er eine gute Schulbildung bekam, weshalb er Schreiber in der Kanzlei des kurfürstlichen Vogts und Kommissarius in Unkel werden konnte. Aber dass sich die Tochter des Vogts, die Bettina von Ewald, in den Winzersohn verliebte, und dass der nicht sagte: „Liebes Kind, du bist von Adel, aber ich bin ein schlichter Ackerbürger“, das war skandalös. Der Vater Bettinas, der Herr von Ewald, nutzte denn auch seine Macht und ließ den André zur Armee einziehen. Das Soldatsein war damals gefährlich. Seit 1792 herrschte Krieg gegen die Franzosen. André Bohnefaß hatte nicht die Absicht, ein Held zu werden. Im Gegenteil, in die Eifel verlegt, verliert er seine Kompanie und treibt sich herum. Dabei lernte er den Kaufmann Simon kennen, der sich bald als ein verkleidetes Mädchen entpuppt. Adelheid hatte bei einem Vorstoß der Franzosen über Aachen hinaus Haus und Hof und die Eltern verloren. Aber sie hatte sich mit ihrem Schicksal arrangiert; manchmal war sie der Kaufmann Simon, manchmal die Freifrau von Wintersruh, und immer war sie eine geniale Falschspielerin mit den Karten. Damals war das Glücksspiel eine allgemein verbreitete Sucht. André nahm die Adelheid mit nach Hause, nach Unkel. Natürlich trat sie hier als Kaufmann Simon auf, sonst hätte sie nicht bei André in der Kammer über’m Kuhstall schlafen können. Aber bald kam der Kaufmann Simon oft erst nach Mitternacht heim, manchmal gar erst am Morgen. Er sei in Geschäften unterwegs, sagte er. Es war eine bitterkalte Nacht, damals im Januar 1794. André lag wieder einmal allein in der Kammer, da klopfte es an das Fenster. Er öffnete, und auf der Leiter stand die froststarre Bettina von Ewald. Auch die Kammer war kalt, und so mussten wohl oder übel beide unters Deckbett kriechen. Und da erzählte nun Bettina, ihr Vater habe bestimmt, dass sie schon in der nächsten Woche mit dem Grafen von Loe verlobt würde. Der Graf von Loe war zwar alt und dick, aber sehr reich. Und der Herr von Ewald war pleite. Man habe in der letzten Zeit zu viel dem Kartenspiel gefrönt. Eine Frau von Wintersruh hätte einen kleinen Kreis von Adeligen zusammengebracht und immer unverschämtes Glück im Spiel gehabt. „Ich habe ihr dann erzählt, dass ich diesen abgelebten Grafen Loe heiraten soll. Und sie, die Frau von Wintersruh, hat mir versprochen, ihr würde etwas einfallen, die Verlobung platzen zu lassen. Sie ist geladen samt ihrem Mann, dem Major von Wintersruh, der bis jetzt verwundet im Lazarett gelegen hat, aber jeden Tag eintreffen muss.“ Dann war der Tag der Verlobung da. Das Palais, rheinwärts gelegen, war vollbesetzt mit erlauchten Herrschaften, etwas erhöht auf einem Podium das Brautpaar. Der alte Graf Loe, der stolz seine schöne Braut immer wieder anschaute. Auf seiner Brust glänzte der Stern des kurfürstlichen Kammerherrn. Ein Tusch ertönte. Herr von Ewald hatte drei Musiker vom kurfürstlichen Orchester aus Bonn angeheuert. Und nun hielt er eine Ansprache, in der viel von der Liebe zwischen den beiden Brautleuten die Rede war. Da aber erhob sich zum allgemeinen Erstaunen die Braut. Und nun hielt Bettina ihre Rede, wie sie sie zuvor mit Frau von Wintersruh und ihrem Mann besprochen hatte. Sie sprach von der Vernunft, welche die Franzosen auf den Thron gesetzt hätten. Sie sagte: „Es ist wider alle Vernunft, dass ich wegen der Finanznöte meines Herrn Papa mit diesem Grafen Loe verbunden werde, der mir völlig gleichgültig ist. Zudem erwartet der Graf eine tugendhafte Braut zu gewinnen. Aber ich, Herrschaften, ich habe im Bett des Herrn Major von Wintersruh schöne Stunden verlebt.“ Der Saal kochte. Der arme André Bohnefaß, alias Major von Wintersruh, beteuerte seine Unschuld. Aber Adelheid rief mit gespielter Empörung: „Jetzt weiß ich auch, wem die Haarspange gehört, die ich unter deinem Kopfkissen fand. B. v. E. ist sie gezeichnet! Bettina von Ewald!“ Graf Loe kriegte einen Herzanfall. Brautvater von Ewald eilte atemlos von Tisch zu Tisch, die empörten Gäste zu beruhigen. Aber da war kein Halten mehr. Alles drängte nach draußen und zu den Kutschen, um aus diesem Skandal herauszukommen. Und auch Adelheid und André flüchteten, allerdings in die Schenke der Frieda. Dort traf sich die Jugend des Städtchens. Und hier erst wurde „die Unkeler Verlobung“ zum Fest. Denn es erschien wutschnaubend der Koch, den Herr von Ewald aus der Residenzstadt Bonn hatte kommen lassen. Er war nicht bezahlt worden, und nun schleppten seine Gehilfen all die Köstlichkeiten heran, die eigentlich für das Verlobungsmahl bestimmt gewesen waren. Die drei Musiker spielten zum Tanz auf. Was sich nun weiter ereignete, und wie der André Bohnefaß schließlich doch zu seiner Bettina kam? Das passierte, als die Franzosen schon das linke Rheinufer besetzt hatten. Da flüchtete sich der André zu seinem Paten Moulé nach Königswinter. Und da fand er die Bettina mit einem winzig kleinen André auf dem Arm. Jene Nacht in der Kammer über’m Kuhstall war eben nur unter’m Deckbett zu ertragen gewesen.
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